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46 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1893.
Nähnadeln oder dergl.!) erkennbar gemacht, so sieht man die ersten Tropfen
Seifenlösung — auf einer Wasserfläche von ca 200 qcm Oberfläche von Kali-
seifenlösung die ersten 60—70 Tropfen, von Lysol nur 3—4 Tropfen, auf der
Oberfläche sich ausbreiten, alles Schwimmende fortschieben; jeder von ihnen in
1—2 Sekunden (der erste meist blitzartig schnell) einen blanken Raum von vielen
Quadratcentimetern (bei dem ersten Lysoltropfen oft über den ganzen Teller)
herstellen, der sich darauf einige Sekunden (5—10) lang zu einer unregelmäßig
geformten Scheibe von etwa dem halben Durchmesser zusammenzieht und nun
lie Natur einer starren Scholle annimmt. Die Nadel, die auf der bestäubten
Fläche in der Nachbarschaft. nur die unmittelbar nächsten Theilchen verschiebt,
kommt, wenn man sie zu diesem klaren Felde führt, sehr bald gegen etwas
Festes, denn dann bewegen sich bei ihrem Weiterführen sogleich die hinter der
ylasklaren Scholle liegenden Staubtheile, und man kann so eine dieser unsicht-
baren und jedenfalls ganz aufserordentlich dünnen Schollen nach der anderen fort-
schieben; die Sprünge, welche dieselben gelegentlich dabei erhalten, werden wie
auch ihr Umrifs durch Eindringen des schwimmenden Mehles kenntlich. Oel-
tropfen, auf welche oder in deren Maschen (wenn sie ein Netz gebildet haben)
man einen Tropfen Seifenwasser in diesem Stadium bringt, werden dadurch aus-
einandergerissen. Weiterhin aber tritt ein Moment ein, wo die Oberfläche ihre
Beweglichkeit ziemlich plötzlich einbüfst, und nun fällt die Seifenlösung, wenn
sie etwas koncentrirt und am Schatten durch veränderte Lichtbrechung erkennbar
ist, deutlich in den bekannten, besonders von Herrn v. Bezold untersuchten pilz-
örmigen Gebilden zu Boden, Mischt man durch Umrühren die Oberflächenschicht
mit dem Rest des Wassers, so erhält das Wasser lange Zeit immer aufs Neue die
Fähigkeit, das Seifenwasser auf seiner Oberfläche auszubreiten, während bei Oel
Jieses Mischen nichts hilft — offenbar, weil die Seifenhaut sich im Wasser ver-
‘heilt, die Oelhaut aber immer oben schwimmt. Erst wenn das ganze Wasser
einen gewissen Seifengehalt erreicht hat, hilft das Umrühren im Teller nicht mehr.
Dieses doppelte Verhalten einer mit Wasser mischbaren Flüssigkeit —
zuerst Ausbreitung auf der Oberfläche, dann Untersinken in Form von Fäden
mit pilzförmigen Enden — ist an einem Beispiele, nämlich hektographischer
Tinte, ausführlich von Herrn v. Bezold untersucht (Sitzungsbericht d. Münch,
Akad. 1884 II und 1V, desgl. d. Berl. 1887). Bei dieser und anderen Tinten
tritt aber, wenn der Tropfen nicht sehr klein ist, schon beim ersten Tropfen
sach der Ausbreitung das Untersinken seiner Mitte ein. Auch bei Tinte breiten
sich, wenn die Wasserfläche durch mehrere Tropfen „gesättigt‘“ ist, weitere fast
yar nicht mehr aus, sondern entsenden sofort einen Strang, der die Hauptmasse
derselben zu Boden führt. Die Oberflächenspannung der sog. „Deutschen Reichs-
#inte“ ist gerade so grofs, dafs sie auf Hamburger Brunnenwasser noch kräftig,
auf Leitungswasser fast gar nicht sich ausbreitet, Ein oder einige Tropfen
Seifenlösung, der Tinte zugesetzt, bewirken deren kräftige Ausbreitung auch auf
jem Leitungswasser. Man kann durch solche Gemische die Ausbreitung des
Seifenwassers sichtbar und der Untersuchung zugänglicher machen. Das Merk-
würdigste ist, dafs nicht nur diese Mischungen, sondern selbst ganz reine Tinte
(auf Brunnenwasser) ganz ebensolche starre oder nur wenig elastische Schollen
bildet wie Seifenwasser, welche beim Verschieben sich als Ganzes fortbewegen,
leicht Sprünge bekommen etc. Auch vom Holztheer lassen sich die auf Wasser
gebildeten Scheiben, im Gegensatz zu den Oelscheiben, als Ganzes verschieben,
sie brauchen aber mehrere Minuten, um starr zu werden. Bis dahin lassen sich
ihre Ränder durch ein durchs Wasser geführtes Stäbchen einbuchten; erst später
erhalten sie, wenn die Scholle Widerhalt findet, Risse, wie die Seifenschollen.
Man sieht also, dafs nicht die chemische Natur der Seife beim Starrwerden
der Scheiben entscheidend ist?) und dafs wahrscheinlich viele Flüssigkeiten solche
Schollen bilden können, deren Oberflächenzähigkeit (vgl. am Schlufs) so grolfs
1) Getreidemehl kann dazu besonders gut dienen, doch hat dies selbst schon, infolge der
Endosmose, die Eigenschaft sich auf dem Wasser kräftig auszubreiten, was die Asche nicht thut.
Auch Oeltropfen verhalten sich anscheinend ebenso passiv gegen die Seife, so dafs auch sie als
Schwimmer dienen können.
2) Die Ausscheidung sauren fettsauren Alkalis aus der Seifenlösung bei Berührung mit viel
Wasser mag immerhin mitwirken.