136 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1893,
werden, viel niedriger.!) Der Wellenkamm ist daher nichts Anderes als die oberste
und gröfste sekundäre Welle auf der vom Winde abgewendeten Seite der Welle. *)
Ob der Verfasser mit dieser Auffassung der Entstehung des Wellenkamms
Recht hat, bedarf der Nachprüfung. Nach der Theorie ist zur Bildung von
Spritzwellen eine solche Summirung zweier verschieden grofser Wellen keines-
wegs nöthig. Doch sind bis jetzt die Bedingungen der Bildung von Spritz- oder
Sturzwellen noch sehr wenig bekannt. Bei der Rolle, welche die Brechseen unter
den Gefahren der Schiffahrt spielen, ist ein näheres Studium derselben wohl sehr
wünschenswerth. Giebt es ein bestimmtes Verhältnifs zwischen den Geschwindig-
keiten der Wellen und des Windes, bei welchen das Brechen auf hoher See be-
ginnt, oder kann es durch Interferenz mehrerer Wellen auch unterhalb dieser
Grenze eintreten? Wann und wie oft findet Brechen vorwärts oder rückwärts
oder Emporspritzen einer symmetrischen Welle statt? Ueber diese und viele
andere Punkte könnten aufmerksame Beobachter auf See Wahrnehmungen
sammeln, wenn ihnen durch eine klare und möglichst einfache Anleitung Anhalts-
punkte gegeben würden. Die Fragestellung ist schwierig und verlangt die vollste
zur Zeit mögliche Sachkenntnifß; indessen sind namentlich in den neuesten
Schriften des Herrn v. Helmholtz (Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1888,
39 und 90) wichtige Anhaltspunkte für dieselbe niedergelegt; und wenn auch
ein Theil der erforderlichen Beobachtungen zu subtiler Natur ist, um sie von
einem Praktiker auf hoher See erwarten zu dürfen, so werden doch voraussichtlich
auch einige zugänglichere Punkte an dem noch so wenig erforschten Gegen-
stande sich finden.
Das Ueberstürzen und Zerschäumen der Wellenkämme steht natürlich mit
dem Verhältnifs der Wellenhöhe zur Wellenlänge in einem nahen Zusammen-
hang. Da erfahrungsgemäfs bei zunehmendem Winde die Wellenhöhe schneller
wächst als die Wellenlänge, so treten im Anfang des Sturmes, gleichbleibende
Windstärke vorausgesetzt, mehr Sturzwellen auf als später, wenn die Wellen
zu ihrer vollen Gröfse ausgewachsen sind (vgl. Boguslawski und Krümmel:
Oceanographie II, S. 61, 62, 350). Das „Uebernehmen von Seen‘ hängt be-
kanntlich in hohem Grade von Bauart, Tiefgang und Segelführung des Schiffes
ab, sowie von der Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung von Schiff und
Welle, doch sind die umfassenden Erfahrungen der Praktiker darüber für die
Wissenschaft noch kaum verwerthet.
Ein erheblicher "Theil von Herrn Grofsmanns Schrift beschäftigt sich
mit den Ursachen der Besänftigung der Wellen durch das Oel. Die Erklärung
Franklins und der Gebrüder Weber, welche auf der Annahme fulst, dafs durch
die Oelschicht die Reibung zwischen dem Winde und der Flüssigkeit sehr ver-
ringert werde, verwirft der Verfasser durchaus. Die Gründe, welche er dagegen
anführt, bestehen allerdings mehr in allgemeinen Erwägungen als in Thatsachen.
Zunächst bestreitet er mit Recht die Analogie zwischen der Reibung fester
Körper und der Reibung von Flüssigkeiten und Gasen. Sodann hebt er hervor
„dals das auf das Wasser gebrachte Oel als zusammenhängendes, die Wasser-
oberfläche bedeckendes Häutchen selbst bei ganz ruhigem Wasser nur sehr kurze
Zeit besteht und sich sehr bald in eine grofse Menge kleiner, nicht allzu nahe
aneinander gereihter Tröpfchen auflöst“ (vgl. weiter unten). Endlich steht nach
Herrn Grofsmann der Franklin’schen Erklärung die ganz ähnliche Wirkung
im Wege, welche auch andere auf dem Wasser schwimmende Körper haben, wenn
sie über eine gröfsere Wasserfläche vertheilt sind, seien es Eis- oder Wrack-
stücke, Fische oder eine Rufsschicht, welche doch die Wasserfläche nicht glatter,
sondern rauher machen. Von direkten Beobachtungen über die relative Größe
der Luftreibung an geölter und nichtgeölter Wasserfläche führt der Verfasser
aur diejenige von Aitken an (Proc. R. Soc. of Edinburgh, 1882-83, XII
pag. 56). Dieser liefs das in einem kreisförmigen Glasbecken enthaltene Wasser
1) An dieser Stelle spricht der Verfasser nur davon, dafs die sekundären Wellen auf der
Leeseite des Wellenberges im Wachsen, auf seiner Luvseite im Abnehmen begriffen sind. Auf
Seite 65 seiner Schrift aber legt er Gewicht darauf, dafs nach seinen Beobachtungen die Leeseite
einer grofsen Welle stets rauher sei als deren Luvseite; es wäre interessant, über diesen Punkt Er-
fahrungen zu sammeln.
2) Dieselbe Auffassung hat Herr E. P. Culverwell bereits 1883 in „Nature“, Bd. 28,
S, 605, geäußert.