118 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1893.
selbst bei schönem Wetter kein Lootse auf Station gewesen ist. Für gewöhnlich
kreuzen die Lootsenboote zwischen Tungshaw und Gutzlaff, doch trifft man sie
bei schönem Wetter meist schon aufserhalb dieser Insel. Die besten Lootsen sind
von den Dampferkompagnien gegen monatliches Gehalt gemiethet und lootsen
andere Dampfer nur, wenn Zeit und Umstände es erlauben, auf Ansuchen derer,
die ihre Dienste wünschen. Die Dampfergesellschaften kümmern sich nicht darum,
was ihre Lootsen treiben, sobald sie am Platze sind, wenn ihre Dienste von den
Dampfern der betreffenden Gesellschaft verlangt werden.
Die Lootsen beweisen ihre Qualifikation in der Prüfung durch eine
Kommission, bestehend aus dem Hafenmeister von Shanghai, dem Senior Lloyds
Surveyor und zwei älteren Lootsen. Dieselbe Kommission untersucht auch alle
Grundberührungen, Strandungen ete. und kann die Lootsen mit Entziehung des
Certifikats auf gewisse Zeit bestrafen.
Gezeitentafeln. Der Hafenmeister in Wusung berechnet nach seinen
Erfahrungen die Gezeitentafeln für 1 Jahr voraus. Dieselben erscheinen nicht
im Druck, sondern werden nur den Lootsen und den betheiligten Dampfer-
yesellschaften auf Verlangen zum Abschreiben übermittelt. Da sich die Barre
in diesem Jahre aufsergewöhnlich versandet hat, hat der Hafenmeister seine
Gezeitentafeln um 0,69 m zu hoch berechnet, was aber für regelmäfsige Linien
nicht unbequem ist, da sie bei Zeiten auf den Unterschied aufmerksam gemacht
werden und sonach die erforderliche Korrektion anwenden können. Die Angaben
der Gezeitentafeln des Hafenmeisters stimmen mit denen unserer Gezeitentafeln
nicht überein. Zum Vergleich diene folgende Zusammenstellung der Angaben
oeider Gezeitentafeln und die wirklich eingetroffenen Gezeiten während des dies-
maligen Aufenthaltes S. M. S. „Leipzig“. Die übrigen Angaben unserer Gezeiten-
tafeln über Strom und Höhe sind für die Praxis kaum zu brauchen.
*
&
Ss
9
O0)
21°
29
Entnommen aus den
Gezeitentafeln
für das Jahr 1892, Oktober
Vormittags * Nachmittags
| an
Zeit [Höhe
m
6b 20m
8h 4m
gh 30m
LOW 31m
[1b 14m |
„Ih 48m
Oh 3m
Ob 383m |
ih ım |
5,05
5,08
5,35
1,64
5,89
8,08
2,4%
6,39
6,31
7h 11m
8h 50m
oh 3m
{Ob 54m
1+ıh 30m
5,80
‚93 |
3,17
6,33
6’ 99
Oh 18m
oh 47m
33h 14m
5,21
6,36
6.47
Voraunsberechnete Tafeln
des Hafenmeisters in
Wusung
Nachmittags
Zeit | Höhe
m
Vormittags ”
Zeit | öl
m
53h 30m
7h Om
sh 40m
oh 30m
i11b 0m
11h 85m
4,88
4,80
5,08
5,36
5,64
5,92
gh 10m
7h 50m
9b 30m
[Oh 50m
LIh 20m
LLh 55m
ob 15m
Ob 55m
1h 30m
5,43
5,83
5,54
5,79
5,20
5,33
5,25
6,50
6,55
Oh 35m
Ih ]5m
6,55
660
Wirklich eingetroffene vom
Hafenmeister beobachtete
Gezeiten
Vormittags | Nachmittags
zeit [Höhe zei [=öne
m m
5h 50m
8h 40m
LO 15m
10h 40m
11 20m
11h 35m
3,96 6h 50m 4,67
4,04‘ 94 40m 4,96
4,42 10h 153m 5,23
4,85 1 10h 50m 5,28
5.13 | 118 20m 5,338
5,23! 11h 50m 5,38
ob 10m 5,43
0b 40m | 5,54
ib 5m' 5,43
oh 20m
Oh 50m
Soll ein Schiff von der Gröfse S. M. S. „Leipzig“ Wusung anlaufen bei
genügend Zeit zu brieflicher Erkundigung in Shanghai, so wären folgende Mafs-
regeln zu treffen:
1. Erkundigungen bei dem Hafenmeister in Wusung über die Verhältnisse
auf den Barren an den voraussichtlichen Tagen des Eintreffens, um danach die
Zeit der Ankunft vor der Jangtse-Barre und die erforderliche Fahrgeschwindig-
keit Jangtse aufwärts ausrechnen zu können.
2. Schreiben an den Hafenmeister in Shanghai um einen Lootsen. Kaommt
man von Nord, so ist das Boot 4 Sm NO von Gutzlaff Island, kommt man von
Süd, 4 Sm östlich von dieser Insel zu bestellen. Der Lootse soll sich beim
Passiren von Wusung beim Hafenmeister über die Tiefenverhältnisse auf der
Barre erkundigen.
Ist zu schriftlichem Verkehr keine Zeit vorhanden, so steuere man Gutzlaff-
Island an, richte sich so ein, dafs man spätestens 4 Stunden vor Hochwasser vor
der Jangtse-Barre ist mit Dampf auf für 11 Sm, um noch bei Hochwasser Wusung
passiren zu können. Ist der Lootse im Geringsten unsicher, ob das Schiff die