Neue Seekanäle.
101
In Brunsbüttel kann das Wasser nur zur Zeit niedrigen Elbwasser-
standes abfließsen. Die Thore sind daher in einer Tide kaum 6 Stunden ge-
öffnet, so daß während dieser Zeit sekundlich etwa 300 cbm austreten müssen,
wenn im Mittel des ganzen Tages die sekundliche Wasserführung von 140 cbm
erreicht werden soll. Dabei beträgt die Wassergeschwindigkeit im Kanal dann
0,7 bis 0,8 m, auch sinkt während dieser Zeit der Wasserspiegel im Kanal bei
Brunsbüttel etwa um 50 cm. Hernach, wenn die Schleusenthore zu Brunsbüttel
wegen hoher Elbstände geschlossen worden sind, treten in etwa 6 Stunden von
Holtenau her 3 Millionen Kubikmeter Wasser in den Kanal ein, so dafs sich der
Wasserspiegel bei Brunsbüttel von 50 cm unter dem mittleren Stand des bezüg-
lichen Tages auf etwa 40 cm über jenen zeitlich mittleren Stand hebt. Unter
den gegebenen Verhältnissen fällt das Kanalwasser zu Brunsbüttel also etwa
50 + 221/ =— 721/2 cm unter den mittleren Jahresstand und erhebt sich hernach
etwa bis 40 — 22'/a = 181/a cm über diesen mittleren Stand. Aufserdem wird
noch die Trägheit der in Bewegung begriffenen Wassermassen Aenderungen in
der Höhelage des Kanalspiegels veranlassen. Der Ebbe und Fluth vergleichbar,
wird sich die bei Oeffnung der Schleusenthore zu Brunsbüttel entstehende
Schwankung des Wasserstandes im Kanal fortpflanzen und entferntere Kanal-
punkte verspätet erreichen.
Bei einem Gefälle von 35 cm auf 100 km vergehen 2 Stunden und
52 Minuten, bis das Wasser aus der Ruhelage in den Zustand einer Bewegung
von !/a m Geschwindigkeit übergegangen ist.
Für die Aufstellung des Kanalentwurfes sind die hier angedeuteten Rech-
nungen naturgemäfs in eingehendster und ungleich vollständigerer Weise zur
Durchführung gelangt, als hier gelegentlich dieser nur kurzen Darlegung der
Strömungsverhältnisse geschehen konnte.“
Da der Wasserspiegel im neuen Kanal viel tiefer liegt als jener der von
ihm berührten Seen, so bietet der Kanal einerseits eine kostbare Gelegenheit
zur Entwässerung von Mooren u. 8. w., andererseits eine Gefahr für bestehende
Be- und Entwässerungsverhältnisse. Um diese nicht zu stören, wird nun in
manchen Seen, wie dem Flemhuder und Meckel-See, der innere Theil des Sees,
dessen Spiegel durch den Kanal um mehrere Meter erniedrigt wird, mittels
langer Dämme vom äufseren Theile abgetrennt, dessen Wasserspiegel hoch bleibt.
An die Endschleusen des Kanals schlie(sen sich in Holtenau Anlegeplätze
für Kriegs- und Handelsschiffe, in Brunsbüttel ein Betriebshafen mit Ausbesserungs-
anstalten für Bagger- und Dienstfahrzeuge an, während vor den Schleusen Vor-
häfen mit weit hinausreichenden Molen angeordnet sind, die an ihren Enden
Leuchtthürme mit elektrischem Licht tragen werden.
—_ Die Bedeutung des Nord-Ostsee-Kanals für die Handelsschiffahrt wird
durch folgende Zahlen beleuchtet: Der Verkehr zwischen. Ost- und Nordsee
resp. Ocean umfalste im Mittel von 1871 bis 1880 41504 Schiffe, von denen
35 246 durch den Sund, 4000 durch die Belte und 2258 durch den KEider-
Kanal gingen, Im Durchschnitt bewegten sich zwischen Nord- und Ostsee
12 241 830 Reg. Tons, und zwar zur Hälfte‘ mit Dampf und mit Segel. Setzt man
von diesem Verkehr diejenigen Frachten ab, welche vortheilhafter um Skagen
herum befördert werden, so bleiben 9210 000 Tons. Nimmt man */s hiervon als
Verkehr für den Kanal in Aussicht, so ergiebt sich unter Berücksichtigung aller
Umstände, dal man in einer Richtung auf 27 Dampfer und 30 Schleppzüge zu
3 bis 4 Seglern für den Betrieb als höchstes Mafs für einen Tag zu rechnen
habe, welchem die technischen Vorkehrungen genügen müssen; weiterhin ist eine
Vergrößerung der Zahl und der Tragfähigkeit der Dampfer mit Sicherheit vor-
herzusehen. Neben der Abkürzung der Fahrt kommt namentlich ihre Gefahr-
losigkeit in Betracht: von 1858 bis 1885 sind längs der dänischen und schwe-
dischen Küste nicht weniger als 6316 Strandungen vorgekommen und hierbei
91 Dampfer und 2742 Segelschiffe verloren gegangen. In den Jahren 1877 bis
1881 sind 708 Personen ums Leben gekommen auf Strecken, welche nach Fertig-
stellung des Nord-Ostsee-Kanals vermieden werden können, und betrug der Ver-
Just der deutschen Schiffahrt allein über 6 Millionen Mark.