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Bemerkenswerthe Stürme.
dafs Freitag früh, etwa 9'/ Uhr, eine von Donner und Blitz begleitete Regenböe,
der ein kräftiger Hagelschlag folgte, über unsere Stadt ging.
Auch aus einer Anzahl anderer hannoverscher und oldenburgischer
Städte wird von Gewittererscheinungen am Freitag berichtet.
Vegesack. Infolge der stürmischen Winde wurden Fensterscheiben und
Dachziegel mehrfach zertrümmert, Aeste von den Bäumen gebrochen und Planken
umgestürzt. Die Weser war in gewaltigem Aufruhr, die schaumgekrönten wilden
Wogen sandten ihre Spritzer wie Dampfwolken über das Hafenhöft. Den Passagier-
dampfern des Lloyd war es nicht möglich, hier anzulegen. Auf den Werften
mufsten die Arbeiten theilweise eingestellt werden, weil die Arbeiter sich im
Freien auf den Stellagen und anderen erhöhten Punkten nicht zu halten
vermochten. Auch die Korrektionsbagger waren gezwungen, ihren Betrieb
einzustellen.
Bremerhaven. Der Sturm, welcher in den letzten beiden Tagen hier
mit grofser Heftigkeit herrschte, setzte am Freitag Vormittag} mit erneuter
Kraft ein und peitschte das Wasser der Weser gegen unsere Deiche und
Bollwerke. Um 9 Uhr, so berichtet die „Prov.-Ztg.“, reichten bei Hochwasser
die Fluthen der Geeste bis über die Kaje hinaus, und selbst vier Stunden später
war von einem Zurücktreten des Wassers noch nichts zu bemerken. Angesichts
der grofsen Gefahr lagen alle Dampfer auf der Rhede, in den Vorhäfen und in
der Geeste unaufhörlich unter Dampf. Die heimkehrenden Fischdampfer konnten
nur mit Noth die Geeste-Einfabrt erreichen, und die „Nymphe“ war sogar
gezwungen, nach Fehlschlagen des ersten Versuches, die Einfahrt zu erreichen,
wieder auf die Rhede hinaus zu dampfen; erst gegen Mittag gelang es ihr,
ainzulaufen. Bei dem vor der Lune errichteten Separationswerk lagen am
Morgen zwei Bagger. So lange der Sturm aus SW wehte, waren dieselben
einigermafsen geschützt; da aber der Wind nach rechts drehte, trat Gefahr für
Jie Bagger ein, und diese nahm von Minute zu Minute zu. Um 9 Uhr Vormittags
gerieth der eine Bagger bereits ins Treiben, jedoch fingen seine Anker wieder
auf dem Separationswerke, über welches hinaus der Bagger bereits getrieben
war. Der Sturm nahm orkanartig mit Regen- und Hagelböen zu. Gegen 10 Uhr
sank dann plötzlich der etwas höher hinauf liegende zweite Bagger, so dafs in
wenigen Minuten nichts mehr von ihm zu sehen war. Die an Bord befindliche
Mannschaft hatte sich schon vorher Lebensretiter umgelegt und eine längsseits
des Baggers liegende Schute an letzteren gelascht. Als der Bagger sank, sprang
die Mannschaft auf die Schute, kappte deren Taue und trieb nun mit dem Winde
dem diesseitigen Ufer zu, wo die Schute von den Wogen auf die Steinböschung
in der Nähe des Geestemünder Sieles, unmittelbar hinter den Riedemann’schen
Petroleumtanks, geworfen wurde, wobei es den Leuten gelang, aufs Trockene zu
kommen. Der ersterwähnte Bagger hielt sich vor seinen Ankern, zeigte jedoch
am 11 Uhr die Nothflagge, worauf das Bremerhavener Rettungsboot requirirt,
am 11% Uhr zu Wasser gelassen und vom Dampfer „Hercules“ auf die Rhede
hinausgeschleppt wurde. Im weiten Bogen brachte der „Hercules“ das Rettungs-
boot bis auf eine gewisse Distanz oberhalb des in Noth befindlichen Baggers,
begleitet von den Blicken von über zweihundert Menschen, welche, trotz des
fürchterlichen Wetters, auf dem Geestemünder Aufsendeich Stand hielten und
dem zwar grauenhaften, aber doch grofsartigen Schauspiele zusahen. Dann sah
man das Rettungsboot von dem Dampfer abstofsen, die Mannschaft setzte das
Ruder kräftig ein, und mit erleichtertem Herzen sahen die Beobachter das Boot,
welches wie eine Nufsschale bald oben auf den Wellen erschien, bald den Blicken
gänzlich entschwunden war, etwa zwanzig Minuten später den Bagger erreichen
und ein Tau von demselben auswerfen. Die gesammte Besatzung des Baggers,
sieben Mann, wurden ins Rettungsboot aufgenommen und über eine Stunde später
in der Geeste glücklich gelandet. Die neue Wellblech-Wärterbude beim Bahn-
übergang im Leher Freigebiet hat der Sturm abgedeckt und so schwer beschädigt,
dafs sie an der Seite gestützt werden mufste. Die Lloydhalle und ihre Umgegend
hatte unter dem Wasser der andringenden Sturmfluth schwer zu leiden. Die
Telephonleitungen wurden mehrfach gestört.
Aus dem Lande Stormarn. Die Strohdächer der ländlichen Gebäude
anserer Dörfer sind von dem Sturme arg beschädigt, und manche alte Kathe