Bemerkenswerthe Stürme.
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in einer Böe wieder Sturmesstärke. Von diesem Zeitpunkte an nahmen die
Böen sowohl an Häußgkeit als auch an Heftigkeit zu und erreichten etwas vor
11 Uhr Vormittags die gröfste Gewalt. Das stündliche Mittel der Wind-
geschwindigkeit hatte zu dieser Zeit den extremen Werth von 32 m in der
Sekunde, eine Windgeschwindigkeit, welche, wie bereits oben angegeben, nur
einmal, nämlich in dem schweren Märzsturm 1876 erreicht und übertroffen wurde.
Die Einrichtung des Anemometers der Seewarte gestattet direkte Beob-
achtungen der Windgeschwindigkeiten in jedem beliebigen Momente, so dafs die
Windgeschwindigkeiten in den einzelnen Böen ganz gut hiernach angegeben
werden können. Solche Beobachtungen wurden angestellt in den Zeiträumen
von 10h 0" 46° bis 10% 4” 37° und von 10* 30” bis 10h 35” a. m. In dem
ersteren Zeitraume schwankte die Windgeschwindigkeit zwischen 27 m und 39 m
und in dem zweiten Zeitraume zwischen 29 und 39 m, Am Ende des zweiten
Zeitraumes konnten diese Beobachtungen leider nicht mehr fortgesetzt werden,
da das Schalenkreuz des Anemometers durch die gewaltige Wucht des Sturmes
weit weggeschleudert wurde. Mindestens sind als Maximum der Windgeschwindig-
keit zu dieser Zeit 40 bis 42 m in der Sekunde anzunehmen. Dafs auch im
Binnenlande sehr grofse Windgeschwindigkeiten vorkommen können; welche den-
jenigen an unseren Küsten nur sehr wenig nachgeben, dafür spricht eine Beob-
achtung an der Wetterwarte zu Magdeburg während des denkwürdigen Sturmes
vom 14/15. Oktober 1881, wonach ein Windstofs in einer Böe 38,5 m in der Sekunde
erreichte, wobei das Stundenmittel 27 m betrug.') Auch zu Dresden wurden
während desselben Sturmes über 32 m mittlere Geschwindigkeit in der Sekunde
direkt am Anemometer beobachtet. Der gröfste Winddruck hat zu Hamburg
jedenfalls 300 Pfund überschritten, so dafs hierdurch die mannigfachen Schäden,
welche durch die Gewalt des Sturmes angerichtet wurden. hinreichend
erklärt sind.
Um Mittag wurden die Böen schwächer und etwas seltener, und kurz
nach 1* p. m. schloß das Sturmphänomen mit zwei heftigen Böen, welche rasch
auf einander folgten.
Graupel- und Hagelböen, vermischt mit Regenschauern, kamen an der
ganzen Küste vor, und zwar mit öfteren Wiederholungen. Im nordwestlichen
Deutschland kamen auch vielfach Gewitter zur Entladung. Auch auf Rügen und
im mittleren Deutschland fanden stellenweise elektrische Erscheinungen statt.
Die Gewitter scheinen zuerst um 8* a. m. in der Helgoländer Bucht aufgetreten
zu sein und sich dann südost- und ostwärts fortgepflanzt zu haben, Eine Wieder-
holung der elektrischen Erscheinungen fand am Nachmittage und in der darauf
folgenden Nacht statt.
Die Windverhältnisse in der Nordsee waren durchaus geeignet, grofse
Wassermassen in der Helgoländer Bucht anzustauen, und daher kam es, dafs die
Unterelbe von einer Sturmfluth heimgesucht wurde, welche vielfach argen
Schaden verursachte.
Die durch diesen Sturm verursachten Schäden und Unglücksfälle sind
durch zahlreiche Zeitungsartikel aus allen Gebietstheilen ‚des nordwestlichen
Deutschlands illustrirt worden, welche damals erschienen: Dächer wurden ab-
gedeckt, Fenster eingedrückt, Gebäude zum Einsturz gebracht, . Windmühlen
umgeweht, Bäume entwurzelt; auf der See fanden Schiffbrüche statt u. dgl.
Nur einige Zeitungsnotizen mögen hier einen Platz finden:
Aus Lüneburg wurde berichtet: Heftiger Sturmwind, Regen, Hagel,
Blitz und Donner wechseln seit 24 Stunden mit einander ab.‘ Ab und zu auf-
tretende leichte Wirbelstürme haben mannigfachen Schaden an Gebäuden,
Bäumen u. s. w. angerichtet. Fast in jeder Straße sind Fensterscheiben, Dach-
ziegel oder Mauerstücke auf die Erde niedergerasselt. Das neue Bürgerschul-
gebäude ist von dem Sturmwind übel mitgenommen worden, indem derselbe etwa
300 Dachpfannen losgerissen und zur Erde geschleudert hat, glücklicherweise
zu: einer Zeit, wo die Kinder nicht im Freien waren. In Anbetracht der grofsen
Gefahr ist der Unterricht ausgesetzt worden. Schliefslich sei noch konstatirt,
1) Vgl. Bemerkenswerthe Stürme, III, Annal. d, Hydrogr. ete. 1882, S. 1. Das Anemo-
meter (nach Angaben des Herrn Dr. Assmann konstruirt) ist frei ‚auf einem hohen Thurme der
Wetterwarte aufgestellt.