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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

Ueber die Berechnung eines einzelnen Hoch- oder Niedrigwassers 
nach Zeit und Höhe. 
Von Prof. Dr. C. BÖRGEN. 
Bei der Einsegelung in einen Hafen kann es von Wichtigkeit sein, über 
den Stand der Fluth und Ebbe zu einer bestimmten Zeit unterrichtet zu sein, 
sei es, dafs mit der Gezeit gefährliche oder unbequeme Strömungen verbunden 
sind, welche sich nach der Zeit des Hoch- oder Niedrigwassers richten, sei es, 
dafs eine Barre vorhanden ist, deren Passirung erst von einer bestimmten Phase 
der Fluth an möglich ist. Es handelt sich in solchem Falle darum, die Zeit, zu 
welcher Hoch- oder Niedrigwasser eintritt, und die Höhe des Wasserstandes über 
dem Niveau der in den Karten eingetragenen Lothungen an dem betreffenden 
Tage im Voraus zu kennen... Ist nun für den betreffenden Platz eine voraus- 
berechnete Gezeitentafel nicht vorhanden oder nicht an Bord und ist für die 
Einsegelung ein Lootse nicht zu erhalten, so ist der Seefahrer auf die Hülfs- 
mittel angewiesen, welche ihm die nautischen Hülfstafeln bezw. das Nautische 
Jahrbuch bieten und diese sind nicht derart, dafs sie eine Gewähr bieten, durch 
zie die gewünschte Information auch nur mit einiger Sicherheit zu erhalten. Die 
nautischen Hülfstafeln pflegen eine Liste der Hafenzeiten, d.h. der Eintrittszeiten 
von Hochwasser am Tage von Neu- oder Vollmond oder, genauer gesprochen, 
des Zeitintervalls zwischen der am Tage von Neu- oder Vollmond stattfindenden 
Kulmination des Mondes und der Eintrittszeit des folgenden Hochwassers sowie 
die Hubhöhen bei Spring-. und Nippfluth für eine Anzahl über die ganze Erde 
vertheilte Orte und eine Tabelle der sogenannten halbmonatlichen Ungleichheit 
zu geben. Diese Hülfsmittel sind vom wissenschaftlichen wie vom praktischen 
Standpunkte aus gänzlich ungenügend, um eine einigermafsen zutreffende Vorher- 
sage der Zeit des Hochwassers zu gestatten, wie aus den nachfolgenden Gründen 
erkennbar sein wird. 
1. Die Tabelle der halbmonatlichen Ungleichheit, wie sie von Raper und 
nach ihm von anderen Herausgebern nautischer Tafeln gegeben wird, stellt das 
Mittel aus den Bestimmungen dieser Gröfse für eine Anzahl, vorzugsweise eng- 
lischer, Häfen!) dar... Da nun sowohl das Verhältnifs der Sonnenfiuth zur Mond- 
ÄAuth als auch die Verspätung der einen gegen die andere oder, was dasselbe 
ist, die Verspätung der Spring- und Nippfluth gegen Neu- oder Vollmond bezw. 
erstes oder letztes Viertel oder, noch anders ausgedrückt, das Alter der Gezeiten 
an verschiedenen Orten‘ sehr verschieden sein kann, so kann die Tabelle nicht 
ohne Weiteres auf andere Gegenden der Erde angewendet werden, sie darf vielmehr 
streng genommen nur für die Orte, für welche sie berechnet ist, und für diesen 
benachbarte Plätze gebraucht werden. Um dies zu erläutern, wollen wir beispiels- 
weise anführen, dafs an der ganzen nordamerikanischen Küste das Verhältnifs der 
Sonnenfluth zur Mondfluth nur 0,2 ist, während der Tabelle bei Raper 0,32 zu 
Grunde liegt; ebenso ist das Alter der Gezeit an der amerikanischen Küste 
ca 1 Tag, an der europäischen aber ca 2'% Tage. 
2. Mit Hülfe der in den nautischen Hülfstabellen gegebenen Hülfsmittel 
ist es nur möglich, die Zeit des Hochwassers zu finden. Bezüglich der Höhe 
ist man auf Schätzung angewiesen, die sich auf die Angaben der Hubhöhen bei 
Spring- und Nippfluth zu stützen hat und bezüglich des Niedrigwassers auf die Wahr- 
nehmung, dafs dasselbe theoretisch 6: 12" später oder früher eintreten soll als Hoch- 
1) Nach Raper sind benutzt worden: London, Liverpool, Pembroke, Ramsgate, Sheerness. 
Portsmouth, Plymouth und Brest.
	        
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