396 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1892.
Sinne als der Ursprung exakterer Bestimmung der Seewege dienen konnte.
Daraus entwickelten sich später auch zahlreiche Portulane der Italiener und über-
haupt die Kartenkonstruktion zur Zeit der Renaissance,
Zur Beleuchtung des immensen Fortschrittes, welchen die Erschließsung
der Neuen Welt und die Auffindung des Seeweges um das Kap der Guten Hofr-
aung nach Indien und damit weiter nach Osten, nach China hin, bedingte, dürfte
as zweckmäfsig sein, nur in Kürze bei der Anbahnung eines regelmäfsigen Ueber-
landverkehres vom Westen Europas nach China zu verweilen. Es ist nach-
yewiesen, dafs die groisen Quantitäten von Seide, welche aus dem im Dunkel
schwebenden Lande jenseits Imaus, Serika, nach Europa gelangten, vor und um
die Zeit des Einbrechens mongolischer Horden in Europa, (in den ersten Decennien
des 18. Jahrhunderts) durch einen von Hand zu Hand gehenden Handel befördert
wurden. Als Grund dafür erkennen wir bis zu einem gewissen Grade das Vor-
dringen des Islam nach dem Oxus und Jaxartes, wodurch selbst die Schiffahrt,
welche geraume Zeit auf dem Kaspischen Meere zur Herstellung der Verbindung
des fernen Ostens mit dem Westen schon um das Jahr 46 nach Christus bestanden
hatte, gänzlich unmöglich gemacht und dadurch die Trennung des römischen
Reiches von dem ihm schon bekannten, allerdings mehr sagenhaften China voll-
zogen wurde. Eine Gesandtschaft, welche Marcus Aurelius Antoninus um
das Jahr 170 n. Chr. nach dem Osten abordnete, hatte bekanntlich gleichfalls
den Seeweg zu wählen.
Da hier von den Beziehungen des römischen Reiches zu dem Lande
Serika oder Sinae die Rede ist, dürfte der Vollständigkeit wegen die Statio
mercatorum kurz zu berühren sein. Es erscheint als zweifellos, dafs in dieser
Statio der Austausch der Waaren stattfand; weiter nach Osten drangen die Römer
nicht vor. Dagegen ist die Lage dieser Tauschstation zweifelhaft. Während
Einige sie mit dem heutigen Kaschgar identisch annehmen, neigen sich Andere
dahin, daß sie in dem Gebiete der Quellen der Flüsse Selenga und Orchon
gelegen war — also erheblich weiter nach Norden zu, etwa im Lande Kere.
Diese von Herrn Robert Mitchell vertretene Ansicht stützt sich in erster Linie
Jarauf, dafs die unwirthbare und fast undurchdringliche Gegend im Lande Imaus
niemals von Karawanen oder Zügen von Reisenden berührt wurde.!) Die Handels-
straße scheint vielmehr nach der nördlichen Mongolei und der Mandschurei gerichtet
gewesen zu sein und nicht nach dem Centralsitz des chinesischen Reiches.
Die Annahme, dafs Kaschgar oder Samarkand (Ferghana) an der Handelsstrafse
yelegen gewesen sei, scheint nach neueren Forschungen unhaltbar, schon weil
diese Route einen Umweg bedeutete, beschwerlicher und gefahrvoller war als die
weiter nach Norden gelegenen Strafsen.
Nahezu 1100 Jahre mufsten vergehen, ehe die Schwierigkeiten für eine
direkte Verbindung der Völker Ostasiens und Europas untereinander aus dem
Wege geräumt werden konnten. Erst nach dem Rückzuge der Mongolen in ihr
Heimathland entwickelte sich nach und nach eine Ueberlandverbindung. Zur Be-
leuchtung der eigenthümlichen Verkehrsverhältnisse Innerasiens mufs übrigens
hervorgehoben werden, dafs von China nach dem Westen die erste Handels-
karawane schon um das Jahr 114 v. Chr. und zwar nach dem Lande Ansi
(Parthia) über die Pamir-Pässe nach Indien zog, wodurch die ersten Nachrichten
über das römische Reich nach China gelangt zu sein scheinen. Die Seidenbringer
‘Serer) zogen später alljährlich auf Handelsstrafsen durch das Tarym-Becken
oder die Wüste Gobi nach dem Westen. Wie schon erwähnt, wurde durch das keil-
artige Vordringen des Islam jede Verbindung später wieder unterbrochen, und erst
um das Jahr 1248 konnte durch die Sendung des Mönches Andreas ein Wandel
berbeigetührt und eine Kenntnifs der physikalisehen Geographie Innerasiens sowie
der Völkerschaften und dadurch regelrechte Handelsstrafsen durch das Herz dieses
yrofßen Welttheils begründet werden. Es sind hier vorzugsweise die Reisenden
Rashid Eddin, Abulfeda, Ibn Batuta, welche das selbst Gesehene und Erlebte
schilderten und dadurch dem Unternehmungsgeist der durch einen Kontinent
getrennten Völkerschaften einen mächtigen Impuls gaben. Unmittelbar an diese
Reisen anknüpfend oder fast gleichzeitig mit denselben erfolgend, vollzog sich ein
3) R.Mitchell, Ancient Imaus, or Bam-J-Dunia (72° 40’ bis 75° 20‘ O-Lg. v. Gr. und 37°
bis 39° 40' N-Br.) The Scottish Geographical Magazin November 1892 Seite 594.