386 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1892.
Irrthum, in diesen unzweifelhaft vor sich gehenden Umwandlungen ein bequemes
Magazin für Lieferung derjenigen Molekularbewegungen sehen zu wollen, die
man zu irgend einer Hypothese gerade braucht.
Dagegen sehen wir einen mächtigen Vorrath lebendiger Kraft in der
Erdrotation, welcher als stürmische relative Bewegung auf der Erdoberfläche
frei wird, sobald irgend welche Umstände eine Luftmasse aus niederer nach
höherer und also, im Allgemeinen gleichzeitig, auch eine ebensolche aus höherer
in niedere Breiten verpflanzt wird. Die Auffassung von Faye, Siemens u. A.,
daß die oberen Luftströmungen vermöge ihrer gewaltigen relativen Geschwin-
digkeiten die Stürme am Erdboden erzeugen, ist zwar insofern zu berichtigen,
als diese planetarischen Geschwindigkeiten, wie wir gesehen haben, in der At-
mosphäre für gewöhnlich nicht existiren, so weit es sich um grofse Massen-
transporte handelt. Aber es ist schwer zu leugnen, dafs sie sich vorübergehend
entwickeln können. Gelegentlich, und zwar gewifs nicht selten, mufß eine
gröfsere Luftmasse in der Höhe ‚ohne Mischung eine Bewegung im Sinne des
Meridians ausführen, wenn sie durch Druckdifferenzen angetrieben wird, welche
in der Richtung des Breitenkreises zwischen Land und Meer auch in der Höhe
auftreten müssen. Diese Luft mufßs unzweifelhaft ihr Rotationsmoment zu er-
halten streben, und dadurch den Anlafs zu heftigen Störungen geben. Nehmen
wir an, eine Luftmasse, welche sich mit 15m p.s. relativer Geschwindigkeit
von West nach Ost bewegt, werde vom 53. nach dem 55. Breitenkreis ver-
schoben, dessen Radius um 5%, kleiner ist, so wächst ihre absolute Geschwin-
digkeit nach dem Flächensatze auf 280 +15 + 0,05><295 = 310 m p. s., während
jene ihres neuen Ortes nur 266 ist; ihre Geschwindigkeit relativ zur Erdober-
fläche ist also von 15 auf 44 m p. s. angewachsen; dieser Windgeschwindigkeit
entspricht nach der obigen Formel ein Gradient von mindestens 2,8 mm auf den
Breitengrad, welcher Gradient sich, da er nicht durch einen Temperaturgradient
kompensirt wird, auch unten zeigen muß und auch hier einen starken Wind
(Stärke 6 Beauf. = 12 mp. s.) hervorruft. Umgekehrt wird, wenn die Luft-
masse auf einen Breitenkreis versetzt wird, dessen Radius um 5 °%o länger
ist, ihre relative Geschwindigkeit 280 + 15 —15 —294, d. 1. —14 m p. 8., also
mäfsiger Ostwind oben, sehr leichter unten, sofern keine Temperaturgradienten
den fehlenden barometrischen Gradienten für die unterste Schicht neu erzeugen
Die nach Süden versetzte, ihre Ostwärtsbewegung verlierende Masse muß sich
stauen, dadurch absteigenden Strom und heiteren Himmel erzeugen, die nach
Norden versetzte mul eine saugende Wirkung und Neigung zu Niederschlägen
hervorrufen.
Man sieht hieraus, wie nicht so sehr in der relativen Geschwindigkeit der
oberen Luft als in deren Lage selbst zur Erdachse, bezw. in deren Rotations-
momenten, bei der raschen Aenderung der Entfernung von der Achse in höheren
Breiten, eine ungeheure Kraftquelle zur Bildung von Cyklonen und Anticyklonen
gegeben ist, deren Auslösung vorzugsweise won den Druckunterschieden in der
Richtung der Breitenkreise und dem Mafse der Mischung mit der unteren Luft
abhängt.
Wir haben uns hier nur mit den Verhältnissen der heißen und gemäßigten
Zone beschäftigt. Die Zone zwischen 35 und 60° Breite bildet auf jeder Halb-
kugel, im Grofsen betrachtet, je eine ungeheure Cyklone, deren Centrum am Pol
legt. In derselben stellen die grofsen Depressionen, welche wir täglich über
den Ocean und über Europa dahinziehen sehen, nur Theilwirbel, Randbildungen
dar, wenigstens wenn wir die mittleren und höheren Schichten der Atmosphäre
betrachten; in den unteren dagegen ist häufig durch die Verdichtung der Luft
infolge der Kälte der höheren Breiten der Druck auf der polaren Seite dieser
Wirbel so hoch, dafs diese selbständig erscheinen oder sogar ein Hochdruckgebiet
auf ihrer Polarseite haben. Für das centrale Gebiet der beiden grofsen tellurischen
Wirbel, zwischen 60° und dem Pol, ist diese Zunahme des Druckes polwärts
für die unterste Luftschicht so sehr die Regel, da(s das Vorherrschen der süd-
westlichen Luftströmung an der Meeresoberfläche schon bei 60° seine Grenze
erreicht und im Polargebiet an deren Stelle mannigfaltige, vielfach nördliche und
zum Theil auch östliche Winde treten. In gröfseren Höhen reicht das Vorherrschen
der westlichen Strömung wahrscheinlich bis näher an den Pol heran. Dieser