accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

380 Annaien der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1892. 
um den oberen Strom vom Aequator hervorzurufen.“ Diese Einwände erscheinen 
auf den ersten Blick als schwerwiegend genug; aber sie beruhen auf dem Ver- 
kennen eines der wesentlichen Punkte in Ferrel’s Theorie. Die Sachlage kann 
kurz in folgender Weise dargelegt werden: 
„Nehmen wir eine gleichförmige Vertheilung der Temperatur in der Atmo- 
sphäre an, so werden ihre idealen isobarischen Flächen horizontal und im 
Wesentlichen äquidistant sein. Nehmen wir dann zwei aneinander grenzende 
Gebiete an, deren eines auf einer höheren Temperatur erhalten wird als das 
andere, so können die isobarischen Flächen nicht länger eben und parallel 
bleiben. Eine konvektive Austauschbewegung wird sich einstellen, als deren 
Folge ein leichter Ueberdruck in der kalten Gegend (am Grunde) eintreten 
wird. Die isobarischen Flächen, welche nun nicht mehr parallel, sondern vom 
kalten Gebiet aus divergirend verlaufen, sind nicht mehr horizontal, sondern 
haben ein Gefälle, das im unteren Theile der Atmosphäre nach dem warmen 
und im oberen nach dem kalten Gebiet gerichtet ist. Das wird Jeder bereit- 
willig zugeben, und es wird kaum einem intelligenten Schüler zweifelhaft er- 
scheinen, dafs diese einfache abstrakte Theorie auf den Fall der Erde anwendbar 
ist, Und doch kann kaum ein anderes Beispiel die Gefahr besser zeigen, welche 
das rein deduktive Verfahren in der Hand anderer als der Meister des Gegen- 
standes hat; denn der zuversichtlich an den Polen erwartete hohe Druck existirt 
nicht. Der Druck ist daselbst niedriger als am Aequator. Der Widerspruch 
zwischen theoretischer Deduktion und den Thatsachen ist von der auffallendsten 
Art, und der Schüler kann wohl entschuldigt werden, wenn er für einige Zeit 
den Glauben an eine Theorie verliert, welche ihn zu einer so irrigen Erwartung 
geführt hat. Sieht er jedoch weiter nach und findet er, dafs es einen Gürtel 
am Aequator giebt, in welchem der Druck geringer ist als an den Wendekreisen, 
dafs dieser Gürtel mit der jahreszeitlichen Schwankung des Wärmeäquators seine 
Stelle ändert und dafs die Kontinente in der wärmeren Jahreszeit sich von 
einem Theil ihrer Atmosphäre entlasten, so wird es offenbar, dafs die Theorie 
wesentlich nur durch eine Auslassung falsch wird, und es kann leicht gezeigt 
werden, dafs der ausgelassene Faktor die Wirkung der Erdumdrehung ist. 
„Die Thatsache, dafs der konvektive Kreislauf der Atmosphäre zwischen 
dem Aequator und den Polen auf einer Erde stattfindet, welche rotirt, bedingt 
die Bildung grofser, ostwärts gerichteter, spiraliger Polarwirbel, und die Centri- 
[ugalkraft dieser Wirbel verändert völlig jene einfache Lagerung der isobarischen 
Flächen, welche aus den Temperatur-Unterschieden allein sich ergeben würde; 
30 sehr in der That, dafs der theoretische hohe Druck an den Polen sich ver- 
wandelt in thatsächlich niedrigen Druck. Infolge davon sind die Gradienten fast 
in der ganzen Atmosphäre polwärts gerichtet und nur jene im unteren Theile 
der Atmosphäre in der heißen Zone äquatorwärts, wo wir die Passatwinde haben. 
„Nun ist die Frage, welche Supan und Teisserenc de Bort stellen, 
ihatsächlich diese: Wie kann die Luft, welche gegen die Pole auf dem steilen 
Gradienten des oberen Stromes abfliefst, entgegen dem polwärts gerichteten 
Gradienten der unteren Schichten zum Aequator hin gelangen? Es ist, als ob 
sie fragten: Wie kann der Ocean am Aequator 13 englische Meilen höher 
(d. h. weiter vom Erdmittelpunkt) stehen als an den Polen, statt sofort tumul- 
tuarisch polwärts zu stürzen? - 
„Der niedrige Druck an den Polen ist die indirekte Konsequenz des anfäng- 
lichen meridionalen konvektiven Luftaustausches zwischen Pol und Aequator, 
und die so bewirkte Umformung des einfachen konvektiven Gradienten kann nie 
so weit gehen, dal sie die Konvektions-Bewegung aufheben würde durch Ver- 
hinderung der Rückkehr des unteren Stromes zum Aequator. Die grofse Ge- 
schwindigkeit und die dem entsprechende Centrifugalkraft, welche der obere Strom 
erlangt, indem er auf den steilen oberen Gradienten um den Pol herumschwingt, 
setzt ihn in den Stand, schräg gegen die schwächeren unteren Gradienten an- 
zulaufen, sobald er sie auf dem absteigenden Aste seines konvektiven Kreislaufs 
erreicht. Das ist das Wesen der ganzen Sache, wenn es auch in verschiedener 
Weise, in Worten oder Formeln, ausgedrückt werden kann. Vielleicht ist ein 
einfacherer Weg, dies klar zu machen, der folgende. Die Schwierigkeit entspringt 
daraus, dafs wir uns die unteren Isobarenflächen als nach dem Pole hin geneigt 
denken. Aber man mufß nicht vergessen, daß Neigungen und Niveauflächen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.