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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1892,
Den oberen „Antipassat“ über dem Passat kennt man, seit A. v. Hum-
boldt und L. v. Buch den Pik von Teneriffa (3700 m, 28° N-Br) bestiegen
und auf seinem Gipfel über dem Passat heftigen Westwind gefunden haben und seit
im Jahre 1820 bezw. 1825 die Schrift von Buch über das Klima der Kanarischen
Inseln erschienen ist, welche auf die weitere Entwickelung der Meteorologie großen
— zum Theil allzugrofsen — Einflufs gehabt hat. Auf dem etwa ebenso hohen
Mauna Kea auf Hawaii (19° N-Br) wurden ebenfalls südwestliche Winde über
dem Nordost-Passat beobachtet. Aber auch näher zum Aequator hat man mehrmals
auffallende Beweise für einen oberen westlichen Luftstrom über dem Passat bei
Gelegenheit grofser vulkanischer Ausbrüche erhalten: die Asche des Vulkans
von St. Vincent (13'/2° N-Br) wurde nach Barbados, jene des Coseguina
(Fonsecabay, 13° N-Br) nach Jamaica, jene des Tomboro auf Sumbava (9° S-Br)
nach Amboina getragen.
Dagegen wurden die in die höchsten Schichten geschleuderten Auswurf-
stoffe (Dämpfe und Gase, besonders schweflige Säure) des Krakatau (Sunda-
Strafse, 6° S-Br) im Jahre 1883 nur zu einem kleinen Theile nordostwärts, nach
Japan, geführt, der Hauptmasse nach aber mit einer Geschwindigkeit von etwa
40 m in der Sekunde westwärts, längs dem Aequator, und gelangten sie erst
zwei Monate später, nachdem sie über die ganze Tropenzone sich verbreitet
hatten, in die gemäfsigten Zonen. Ihr Weg wurde durch die grofsartigen
Dämmerungserscheinungen, die sie hervorriefen, erkennbar gemacht.
Allein um unser Wissen von den oberen Luftströmungen in der Tropen-
zone zu erweitern, brauchen wir nicht auf gewaltige vulkanische Ausbrüche zu
warten. Die Bewegung der hohen Wolken giebt uns darüber auch zu gewöhn-
lichen Zeiten Aufschlüsse, die nur mehr als bisher gesucht und beachtet werden
müssen. Die Beobachtung des Zuges zarter, hochschwebender und deshalb
scheinbar langsam sich bewegender Wolken vom Schiff aus ist natürlich keine
ganz leichte Sache, allein der englische Meteorologe Abercromby, welcher
zweimal zum besonderen Zwecke von Wolkenstudien um die Welt gereist ist,
sagt aus, dafs zwischen 5 und 6 Uhr morgens und 6 und 7 Uhr abends es in
der Regel möglich ist, mit Hülfe des Mondes oder heller Sterne eine sichere
Beobachtung über Wolkenzug zu machen. Seine Beobachtungen sowie die
späteren von Prof. Krümmel und Dr. Schott zeigen, dafs auch in der
Nähe des Aequators die Luftströmung der höchsten Schichten in verschiedenen
Jahreszeiten und Jahren verschieden gerichtet sein kann. Wir müssen also wohl
eine bedeutend gröfsere Menge von Beobachtungen haben, um über diese inter-
assanten Fragen ins Klare zu kommen. Aus den vom Londoner meteorologischen
Amte gesammelten Beobachtungen britischer Seeleute weils man aber schon
seit 1876, dafs die Bewegung der Wolken (zumeist wohl mittelhohen Passat-
gewölks) innerhalb 5 oder mehr Breitengraden Abstand vom Kalmengürtel über
dem Nordost-Passat vorwiegend aus SO, über dem Südost-Passat vorwiegend
aus NO geschieht und erst in gröfseren Entfernungen davon der SW resp. NW das
Uebergewicht erhält (vgl. „Meteor. Zeitschr.“ 1885, S. 137).
Die Beobachtungen in der Tropenzone ergeben also im Ganzen eine
Uebereinstimmung mit dem, was die Theorie erwarten läfst, jedoch zugleich eine
Veränderlichkeit in den oberen Luftströmen, welche nicht Wunder nimmt, wenn
man bedenkt, wie gering die mittleren Gradienten in diesen Gebieten sind nnd
wie leicht eine auch nur kleine anomale Erwärmung einer Gegend sie ändern
resp. umkehren kann. Der geringste Gradient kann aber in diesen Breiten und
Höhen Strömungen von grofser Geschwindigkeit, wenn auch, wegen der dünnen
Luft, von nur geringer Energiemenge veranlassen.
Was die gemäfsigten Breiten betrifft, so wird die Existenz der vorwaltend
nordwestlichen Luftströmung in der Region der oberen Wolken durch die Er-
fahrung besonders für den Winter bestätigt, wie folgende Mittelwerthe aus
sehr umfangreichen Beobachtungsreihen über den Zug der Cirruswolken zeigen,
deren mittlere Höhe 7 bis 10km beträgt.') (Die unteren Winde sind bekannt-
lich in Faropa umgekehrt im Winter vorwiegend südwestlich, im Sommer nord-
westlich.
0) Grofsentheils nach H. HE. Hildebrandszon.