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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

376 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1892, 
Erscheinen des betreffendes Werkes von Ferrel ausgesprochen in einem Vortrag, 
den James Thomson, C. E., auf der britischen Naturforscher- Versammlung im 
Jahre 1857 gehalten hat. (Siehe Report, 1857, Notices S, 38.) Es heißt im 
betr. Bericht u. A,: 
„Herr Thomson ist der Ansicht, dafs Lieut. Maurys Annahme durchaus 
der Begründung durch bekannte physikalische Ursachen atmosphärischer Be- 
wegungen entbehrt. Er glaubt im Gegentheil, dafs der beschriebene grofse 
Kreislauf!) thatsächlich besteht, aber mit der Modifikation, dafs eine dünne Luft- 
schicht an der Erdoberfläche in den Breiten über 30° hinaus — eine Luftschicht, 
deren Bewegungen die.Winde dieser Breiten ausmachen und in welcher die Be- 
wohner dieser Breiten leben — durch Reibung und Impulse von der Erdoberfläche 
im Vergleich zur schnellen von West nach Ost gerichteten Wirbelbewegung 
der grofsen Masse der Atmosphäre über ihr verzögert, zum Pole zu fliefßsen 
strebt, und thatsächlich dahin fließt, um die Luftverdünnung im centralen Theile 
des Wirbels auszufüllen, die infolge der Centrifugalkraft seiner Drehung entsteht. So 
scheint es denn, daß es in gemäfßsigten Breiten drei Strömungen in verschiedenen 
Höhen giebt: — die oberste bewegt sich zum Pol und ist ein Theil des grofsen pri- 
mären Kreislaufes zwischen Aequator und Pol; — die unterste bewegt sich zum Pol, 
ist aber nur eine dünne Schicht, die einen sekundären Kreislauf bildet; — die 
mittlere Strömung geht vom Pole fort und bildet den Rückstrom für beide vor- 
hergehenden; allen drei Strömen aber ist eine vorherrschende Bewegung von 
West nach Ost, der Erdumdrehung voraus, gemeinsam. Dies ist das Wesen von 
Herrn Thomsons Theorie; zur Veranschaulichung führt er folgendes einfache 
Experiment an. Wenn ein flaches, rundes Gefäls mit ebenem Boden bis zu 
einer mäfsigen Höhe mit Wasser gefüllt wird und einige kleine Gegenstände, 
die nur wenig schwerer als das Wasser sind, hineingebracht werden (z. B. einige 
Theeblätter aus der Theekanne), und nun das Wasser durch Umrühren zum 
Kreisen gebracht wird, so sieht man die kleinen Gegenstände am Boden sich 
im Mittelpunkt ansammeln. Offenbar werden sie durch eine Strömung dorthin 
gebracht, welche am Boden zur Mitte gezogen wird infolge davon, dafs durch 
die Reibung am Boden die Rotationsgeschwindigkeit und damit auch die Centri- 
fugalkraft in der untersten Schicht geringer ist, als in den darüber liegenden 
Schichten. Da die Theilchen schwerer als das Wasser eind, so müssen sie, ent- 
sprechend ihrer Dichtigkeit, mehr Centrifugalkraft inne haben als das Wasser 
um sie herum, und sie müfsten daher eine Tendenz haben, das Centrum zu 
fliehen. Aber die Strömung des Wassers nach dem Centrum hin überwindet 
diese Tendenz und führt sie einwärts; dadurch wird die Bewegung des Wassers 
zum Mittelpunkt in der den Boden berührenden Schicht offenbar.“ 
Neuerdings, nach 35 Jahren, ist Herr James Thomson auf diese Frage 
zurückgekommen in einem Vortrag, den er in der Royal Society am 10. März d. J. 
gehalten hat (Proceedings of the R.S. 1892, No. 308, pag. 42). Er stützt sich 
dabei auf einen Gedankengang, welchen schon Hadley (1735) in folgenden 
Worten ausgesprochen hat: „In Bezug auf die Rotation der Erde um ihre 
Achse muß die Summe der vorwärts drehenden Krafteinflüsse, welche von den 
Winden auf die Oberfläche der Erde, Land und Meer eingeschlossen, ausgeübt 
werden, gleich sein der Summe der rückwärts drehenden Krafteinflüsse, welche 
yleichfalls auf die Erdoberfläche einwirken, so dafs diese Kraftwirkungen zu- 
sammen weder eine Beschleunigung noch eine Verzögerung der Erdrotation um 
ihre Achse bewirken.“ Dieselbe Argumentation findet sich auch bei Ferrel, 
doch ist sie, wie Sprung hervorgehoben hat, nicht völlig überzeugend; denn 
der Satz, daß die Gesammtbewegung eines Körpers nicht verändert werden 
könne durch relative Bewegung seiner Theile, gilt nur, so lange keine äufseren 
Kräfte auf ihn wirken; hier aber ist in der Sonnenstrahlung selbst, die diese 
Cirkulation erzeugt, eine fortwährende Kraftzufuhr von aufsen gegeben, welche 
recht wohl verändernd auf die Bewegung der Erde wirken könnte. Immerhin 
ist es bei der erfahrungsmäfsigen jahrtausendlangen Unveränderlichkeit der Tages- 
länge äufserst unwahrscheinlich, dafs die Luftströmungen in Summa irgend merk- 
lich‘ beschleunigend oder verzögernd auf die Umdrehung der Erde wirken, 
während bekanntlich eine verzögernde Wirkung der Meerestiden auf die Erd- 
Nämlich oben von der warmen zu den kalten Zonen, unten von den kalten zur warmen.
	        
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