Ann. d. Hydr. etc., XX. Jahrg. (1892), Heft X.
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Sechs Reisen um das Kap der guten Hoffnung im südlichen Winter,
; ausgeführt auf der Bark „Eduard“,
Von Kapt. CARL H. SEEMANN.
(Hierzu Tafel 5.)
Ueber das Ansegeln der Südostküste von Afrika im südlichen Winter und
die Umsegelung des Kap der guten Hoffnung gehen die Direktiven bedeutend
auseinander. Von der einen Seite wird vorgeschlagen, bei eintretenden West-
stürmen die Agulhas-Bank zu machen, weil auf der Bank die See bei den West-
stürmen weniger gefährlich sein soll; von der anderen Seite wird vorgeschlagen,
den Agulhas-Strom auszunützen; wieder Andere halten es für richtiger, südlich
zu stehen, um womöglich, anstatt westlicher und nordwestlicher Winde, süd-
westliche anzutreffen. Der letztere Vorschlag mufs unbedingt verworfen werden,
erstlich, weil die Centren der Depressionen, die im Süden ebenso wie in unseren
Breiten von West nach Ost wandern, so südlich liegen, daß von einem anhaltenden
SW-Wind bei der Umsegelung des Kaps kaum die Rede sein kann, und zweitens
des Gegenstromes wegen, der für gewöhnlich aufserhalb des Agulhas-Stromes
nach Ost setzt. Die beiden anderen Vorschläge zu beleuchten, ist der Haupt-
zweck dieser Arbeit, wozu meine reichhaltigen Notizen aus der eigenen Kr-
fahrung die Veranlassung gewesen sind. Gewilfs ist Ost vom Kap Agulhas auf
der Bank die See bei westlichen resp. nordwestlichen Winden etwas mäfsiger als
im Agulhas-Strom, aber ehe das Schiff aus dem Strome heraus die Nähe des
Landes erreicht, mufs es die gefährliche Bank-Ecke passiren, und hier ist die
See ganz gewaltig hoch und überstürzend. Von East London bis Kap Recife
ist die Bank noch sehr schmal und bietet überhaupt noch keinen Schutz. Drei
Mal bin ich mit einem starken bis stürmischen NE-Wind bis zur Bank gelaufen,
und jedes Mal, ehe ich dieselbe erreichen konnte, brach ein Sturm aus NW bis
West los. 1877 wollte ich absolut die Bank gewinnen und befand mich am
5. Mai (siehe die Routenkarte) ungefähr 150 Meilen ONO von East London.
Nachmittags 4 Uhr zunehmender Wind aus NE, drohende Gewitterluft und
heftiges Blitzen im SW. Machten alle Segel bis auf die Untermarssegel fest.
Gegen 8 Uhr Abends wurde es für Minuten windstill, dann einfallender Sturm
aus West bis SW; Elmsfeuer auf allen Nocken. Ich legte das Schiff über
B.-B-Halsen an den Wind und trieb von Abends 8 Uhr bis zum anderen Mittag,
in welcher Zeit ein halber Orkan aus Westen wehte, 26 Sm recht gegen den
Wind auf... Aber diese himmelhohe See! Ich wähnte, da der Wind West war,
die See müßte auf der Bank oder dicht unter Land nachlassen; doch dem war
nicht so. Die See lief parallel der Bank aus SW bis WSW; wir hatten die-
selbe also auf B.-B.-Halsen querein. Das furchtbare Rollen und das Ueberbrechen
der hohen Sturzseen machte die Lage des Schiffes recht ungemüthlich.
Wir hatten Mittags d. 6. gute Observationen gehabt und befanden uns
in 0SO0:45 Meilen von East London. Bis Nachmittags 4 Uhr lagen wir bei-
gedreht mit dem Kopf nach Norden, dann liefs der Sturm etwas nach und ging
auf WSW, so daß wir Segel setzen konnten. Ich liefs raum weg laufen. Wir
hatten den ganzen Tag die Küste in Sicht gehabt. Abends 7 Uhr kam das
Feuer von East London in NNW per Kompafs in Sicht. Abstand ungefähr
10 Meilen. Wir hatten also von Mittag bis 7 Uhr einen Strom von S49° W,
5,5 Meilen per Stunde gehabt. Die See war dicht unter Land noch ebenso
hoch, ale weiter ab. Um 8 Uhr halsten. wir in Sicht der Brandung, das Feuer
von East-London in Peilung. Dann lagen wir bis zum zweiten Tage auf St.-B.-
Halsen prächtig am Winde. Die See war aus SW, und SSW lagen wir vor.
Also hatten wir die See beinahe von vorne, nur durften wir keine Fahrt machen.
Dicht unter der Bank-Ecke ist der meiste Strom. Weht der Wind recht-
weisend WNW bis WSW, so liegt man am besten mit St.-B.-Halsen am Winde.
Das Schiff liegt dann gut, und der Strom mufs das Vorwärtskommen besorgen. Geht
der Wind jedoch auf SW rechtweisend, so ist es einerlei, auf welchem Bug man