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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1892,
Die‘ Erscheinung zeigt sich in der Breite von Berlin nur in verhältnifs-
mäßig kurzer Zeit des Jahres, nämlich vom 23. Mai bis 11. August. Während sie
in den ersten Jahren auch Vormitternachts ziemlich häufig hier gesehen worden
ist, tritt sie während der letzten vier Jahre fast nur noch Nachmitternachts auf.
Das Phänomen zeigt sich in der Form von Cirruswolken, die sich hell auf dem
Dämmerungshimmel abheben. Hierdurch besonders unterscheiden sie sich von
den gewöhnlichen Cirruswolken, welche sich bei denjenigen Tiefen der Sonne,
bei welchen gegenwärtig die leuchtenden Wolken sichtbar sind, dunkel auf dem
hellen Dämmerungshimmel zeigen. Die Farbe des Phänomens ist im Allgemeinen
ein bläuliches Weifs, welches in größerer Nähe des Horizontes gelblich und
-öthlich wird.
Aus oft wiederholten gleichzeitigen photographischen Aufnahmen, die in
der Nähe von Berlin an verschiedenen Punkten gemacht worden sind, ergiebt
sich, dafs die Höhe der leuchtenden Nachtwolken eine beständige und aufser-
ordentlich grofße ist, nämlich gleich 82 km. Infolge dieser grofsen Höhe werden
ze von der unter dem Horizonte stehenden Sonne noch beleuchtet, während die
untersten Schichten der Atmosphäre kein direktes Sonnenlicht mehr empfangen,
30 dafs jene Wolken sich heil auf dem Dämmerungshimmel abheben. Sie sind
immer nur so lange sichtbar, als sie von der Sonne beschienen werden; sobald
Jer Erdschatten über sie hinweggeht, werden sie unsichtbar. Sie beginnen
Morgens im Allgemeinen kurze Zeit vor dem Anfange der Dämmerung, und sie
verschwinden, sobald die Sonne in geringeren Tiefen als 8° bis 10° unter dem
Horizonte steht.
Diese Wolken sind in den letzten Jahren bereits recht selten geworden.
Innerhalb der oben angegebenen Zeit traten sie nur noch etwa 10 mal auf, wo-
gegen sie in den ersten Jahren recht häufig gewesen sind. Ferner ist ihr Er-
scheinen starken Wechseln unterworfen. Während sie häufig nur in einzelnen
kleinen, wenig leuchtenden Streifen oder Flecken vorhanden sind, traten sie
einige Male in gröfseren Ansammlungen und in grofser Lichtkraft auf. Besonders
scheint ihr Licht in den letzten Tagen der Periode, vom 2. bis 6. August, in
anseren Breiten beträchtlich zu sein. Im Allgemeinen sind sie nur in der Nähe
des Horizontes und zwar -über demjenigen Theile desselben zu sehen, unter
welchem sich die Sonne befindet.
Aus den häufigen Beobachtungen über die Bewegungen des Phänomens,
welche Nachmitternachts immer aus NO-+40° gerichtet sind, folgt mit hoher
Wahrscheinlichkeit, dafs die Bewegungen derselben hauptsächlich durch
das widerstehende Mittel des Weltraumes hervorgerufen werden. In
Uebereinstimmung mit der Annahme dieser Bewegungsursache steht die That-
sache, dafs das Phänomen ein halbes Jahr nach der hiesigen Krscheinungszeit
in den südlichen Breiten von etwa 50° bis 55° mehrfach beobachtet worden ist,
and zwar sowohl von dem meteorologischen Beobachter Herrn Stubenrauch in
Punta Arenas als auch mehrere Male von Schiffsführern.
Auch nach anderweitigen Beobachtungen liegen Bestätigungen für die An-
nahme einer derartigen jährlichen Wanderung vor; so ist in Grahamstown
unter 33° S-Br!) das Phänomen am 27. Oktober 1890 und in Haverford unter
40° N-Br nach einer brieflichen Mittheilung dasselbe am 17. Mai 1892 beobachtet
worden. Diese Zeiten liegen derartig, dafs daraus im Hinblick auf die hiesige
Zeit des Erscheinens direkt auf eine Wanderung des Phänomens von Nord nach
Süd und zurück geschlossen werden kann.
Die leuchtenden Nachtwolken nehmen von Jahr zu Jahr sowohl in Bezug
auf die Häufigkeit des Erscheinens als auch auf die Ausdehnung und auf die
Lichtintensität ab. Obwohl daher innerhalb weniger Jahre das Phänomen
yänzlich verschwinden wird, so scheint es, dafs während der nächsten zwei
Jahre noch Beobachtungen möglich sein werden, die uns nähere Kenntnifßs ver-
schaffen können über mehrere außerordentlich wichtige Fragen.
Hierzu sind besonders Messungen über die scheinbare Höhe der oberen
Grenze der leuchtenden Wolken, hauptsächlich in der Zeit, in welcher die obere
Grenze des Dämmerungssegmentes eine verhältnifsmälsig kleine Höhe von’ etwa
1° bis 10° hat, von großem Werthe. Diese Messungen werden dazu dienen
Vergl. Astr. Nachr. No. 3008