accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

Meier: Weiteres über Grund- und Siggeis, 
301 
jetzt im Wasser — bei starkem Strom in allen Schichten — kleine Kisflocken, 
welche vermöge ihrer relativen Leichtigkeit an die Oberfläche steigen, sich hier 
durch Zusammenkleben oder -Frieren zu Schollen und Bergen oder zu einer 
festen Eisdecke weiterbilden. .Mit dem Aufsteigen dieser kleinen KEisflocken 
entweicht dem Wasser die überschüssige Kälte wieder, so dals die Temperatur 
des nachbleibenden Wassers nie unter 0° sinkt. 
Halten sich bei starkem Strome die Wärmezufuhr ‚aus dem Boden und 
der Wärmeverlust nach oben die Wage, so dafs es nicht zum Siggen kommen 
kann, so mufs bei gleichem Fortbestand dieser Kräfte, jedoch abnehmender 
Strömung, wodurch im Wasser eine Wärmeschichtung entsteht, in den oberen 
Schichten Siggeisbildungen entstehen, während es in den unteren Schichten nicht 
der Fall ist. Nach den Beobachtungen geschieht dieses auch regelmäfsig, wenn 
durch Eintritt der Fluth der starke Ebbestrom aufhört und Stauwasser wird. 
Die Eisbildung ist unter diesen Umständen oft geradezu phänomenal; innerhalb 
einer Stunde kann sich der bis dahin gänzlich eisfreie Flufls mit einer fuls-, ja 
sogar meterdicken Eisschicht bedecken.') Es scheint, dafs die Strahlung bei 
dieser Eisbildung fördernd wirkt; doch ist sie nicht die Hauptsache, sondern nur 
sekundär; denn sobald nur die nöthige Kälte der Luft da ist, siggt es auch, 
gleichgültig, ob klarer oder bedeckter Himmel, ob es sichtig oder dick von 
Nebel, ob das Wasser rein und klar oder schmutzig gelb ist. ; 
Sobald eine feste Eisdecke auf dem Wasser lagert, hört diese Eisbildung 
auf. Die Fischer beginnen dann wieder unter dem Eise zu fischen, und jetzt 
findet ebenso wenig ein Ansatz als auch ein Auftrieb der Geräthe statt. Anders 
jedoch, wenn das Eis nicht zum Stehen kommt. Wie das kochende Wasser 
durch stetiges Nachfeuern kochend bleibt, so siggt es auch im letzten Falle 
stetig weiter, bis die Kälte abnimmt. Bei anhaltendem Froste. dürfte auch wohl 
das Flufsbett selbst erkalten, wodurch der Wärmequell geringer und die Siggeis- 
bildung erleichtert wird; die oben erwähnten Fälle des Ansetzens bis zum 
Grunde scheinen dieses anzudeuten. 
Von der Großartigkeit dieser Naturerscheinung besitzen wir bisher leider 
keine greifbaren Beweise in Zahlen, Dimensionen und Zeit; nur die Uferbewohner 
wissen aus Erfahrung, dafs menschliche Kraft als Gegenwehr nicht ausreicht, 
oft sogar nicht einmal die Dampfkraft. Edlund erwähnt eine ähnlich plötzliche 
und dadurch gefährliche Eisbildung in der Ostsee,”*) 
Folgende verbürgte Thatsachen mögen die Schnelligkeit der Siggeisbildung 
etwas näher illustriren: 
1. Ende der sechziger Jahre fuhr Kapt. H. Lüdders — jetzt Führer des 
Passagierdampfers „Delphin“ — mit dem kleinen kräftigen Schleppdampfer 
„Matador“ von 25 nominellen Pferdekräften während einer sehr kalten Nacht in 
der Nähe von Glückstadt diesem Hafen zu, zwei Ewer im Schlepptau. Treib- 
eisschollen waren nicht vorhanden und bis dahin auch nur wenig Siggeis; doch 
vermehrte sich das letztere sehr schnell; so daß der Dampfer endlich fest 
stecken blieb. Man warf die beiden Fahrzeuge los, arbeitete mit voller Kraft 
vorwärts, aber vergeblich; das Schiff sals fest wie im Eisschlamm. Was man 
im Wasser sehen und so tief man mit Stangen fühlen konnte, war Siggeis. Die 
Maschine lief trotzdem 8o leicht wie nie zuvor, was dem Personal auffällig 
wurde; man untersuchte Alles und fand zuletzt, dafs auch die Schraube ein 
runder Siggeisklumpen war. Es wurde daraufhin die Maschine auf „Rückwärts“ 
gestellt und nun löste sich das Eis von der Schraube, Beim ferneren Vorwärts- 
gehen kam das Schiff auch wieder etwas voraus und arbeitete sich schliefslich 
allein ohne die Ewer bis nach Glückstadt durch; dabei wiederholte sich aber 
der oben beschriebene Vorgang mit der Schraube etwa in Zeitabschnitten von 
je 10 Minuten wieder. 
2. Im Winter nach dem Elbbrückenbau über die flache Süderelbe bei 
Harburg strandete unter Anderen ein kolossaler Siggberg an der Landungsstelle 
1) Siehe Beobachtungen vom 28, Dezember 1889, 
2) Diese Eisbildung ist desto mehr vorwiegend, je näher der Gefrierpunkt des Wassers mit 
dem Grade der gröfsten Dichtigkeit zusammenfällt; wo durch den Salzgehalt oder Strömung dieser 
Zustand erreicht wird, so dafs jede Wärmeschichtung aufhört, findet nur diese Eisbildung und keine 
Eisbildung an der Wasseroberfläche statt,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.