Meier: Weiteres über Grund- und Siggeis,
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jetzt im Wasser — bei starkem Strom in allen Schichten — kleine Kisflocken,
welche vermöge ihrer relativen Leichtigkeit an die Oberfläche steigen, sich hier
durch Zusammenkleben oder -Frieren zu Schollen und Bergen oder zu einer
festen Eisdecke weiterbilden. .Mit dem Aufsteigen dieser kleinen KEisflocken
entweicht dem Wasser die überschüssige Kälte wieder, so dals die Temperatur
des nachbleibenden Wassers nie unter 0° sinkt.
Halten sich bei starkem Strome die Wärmezufuhr ‚aus dem Boden und
der Wärmeverlust nach oben die Wage, so dafs es nicht zum Siggen kommen
kann, so mufs bei gleichem Fortbestand dieser Kräfte, jedoch abnehmender
Strömung, wodurch im Wasser eine Wärmeschichtung entsteht, in den oberen
Schichten Siggeisbildungen entstehen, während es in den unteren Schichten nicht
der Fall ist. Nach den Beobachtungen geschieht dieses auch regelmäfsig, wenn
durch Eintritt der Fluth der starke Ebbestrom aufhört und Stauwasser wird.
Die Eisbildung ist unter diesen Umständen oft geradezu phänomenal; innerhalb
einer Stunde kann sich der bis dahin gänzlich eisfreie Flufls mit einer fuls-, ja
sogar meterdicken Eisschicht bedecken.') Es scheint, dafs die Strahlung bei
dieser Eisbildung fördernd wirkt; doch ist sie nicht die Hauptsache, sondern nur
sekundär; denn sobald nur die nöthige Kälte der Luft da ist, siggt es auch,
gleichgültig, ob klarer oder bedeckter Himmel, ob es sichtig oder dick von
Nebel, ob das Wasser rein und klar oder schmutzig gelb ist. ;
Sobald eine feste Eisdecke auf dem Wasser lagert, hört diese Eisbildung
auf. Die Fischer beginnen dann wieder unter dem Eise zu fischen, und jetzt
findet ebenso wenig ein Ansatz als auch ein Auftrieb der Geräthe statt. Anders
jedoch, wenn das Eis nicht zum Stehen kommt. Wie das kochende Wasser
durch stetiges Nachfeuern kochend bleibt, so siggt es auch im letzten Falle
stetig weiter, bis die Kälte abnimmt. Bei anhaltendem Froste. dürfte auch wohl
das Flufsbett selbst erkalten, wodurch der Wärmequell geringer und die Siggeis-
bildung erleichtert wird; die oben erwähnten Fälle des Ansetzens bis zum
Grunde scheinen dieses anzudeuten.
Von der Großartigkeit dieser Naturerscheinung besitzen wir bisher leider
keine greifbaren Beweise in Zahlen, Dimensionen und Zeit; nur die Uferbewohner
wissen aus Erfahrung, dafs menschliche Kraft als Gegenwehr nicht ausreicht,
oft sogar nicht einmal die Dampfkraft. Edlund erwähnt eine ähnlich plötzliche
und dadurch gefährliche Eisbildung in der Ostsee,”*)
Folgende verbürgte Thatsachen mögen die Schnelligkeit der Siggeisbildung
etwas näher illustriren:
1. Ende der sechziger Jahre fuhr Kapt. H. Lüdders — jetzt Führer des
Passagierdampfers „Delphin“ — mit dem kleinen kräftigen Schleppdampfer
„Matador“ von 25 nominellen Pferdekräften während einer sehr kalten Nacht in
der Nähe von Glückstadt diesem Hafen zu, zwei Ewer im Schlepptau. Treib-
eisschollen waren nicht vorhanden und bis dahin auch nur wenig Siggeis; doch
vermehrte sich das letztere sehr schnell; so daß der Dampfer endlich fest
stecken blieb. Man warf die beiden Fahrzeuge los, arbeitete mit voller Kraft
vorwärts, aber vergeblich; das Schiff sals fest wie im Eisschlamm. Was man
im Wasser sehen und so tief man mit Stangen fühlen konnte, war Siggeis. Die
Maschine lief trotzdem 8o leicht wie nie zuvor, was dem Personal auffällig
wurde; man untersuchte Alles und fand zuletzt, dafs auch die Schraube ein
runder Siggeisklumpen war. Es wurde daraufhin die Maschine auf „Rückwärts“
gestellt und nun löste sich das Eis von der Schraube, Beim ferneren Vorwärts-
gehen kam das Schiff auch wieder etwas voraus und arbeitete sich schliefslich
allein ohne die Ewer bis nach Glückstadt durch; dabei wiederholte sich aber
der oben beschriebene Vorgang mit der Schraube etwa in Zeitabschnitten von
je 10 Minuten wieder.
2. Im Winter nach dem Elbbrückenbau über die flache Süderelbe bei
Harburg strandete unter Anderen ein kolossaler Siggberg an der Landungsstelle
1) Siehe Beobachtungen vom 28, Dezember 1889,
2) Diese Eisbildung ist desto mehr vorwiegend, je näher der Gefrierpunkt des Wassers mit
dem Grade der gröfsten Dichtigkeit zusammenfällt; wo durch den Salzgehalt oder Strömung dieser
Zustand erreicht wird, so dafs jede Wärmeschichtung aufhört, findet nur diese Eisbildung und keine
Eisbildung an der Wasseroberfläche statt,