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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

701) 
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1892. 
Das Wasser, welchem jetzt vom Boden und den Seiten die Wärme ent- 
zogen wurde, zeigte alsbald, von hier ausgehend, zuerst vereinzelt, gleich darauf 
jedoch dicht an dicht gedrängt, kleine Gebilde, wie seit mehreren Tagen nicht 
rasirtes Barthaar, welche zusehends wuchsen und .sehr voneinander abweichende 
Formen annahmen; während einzelne sich spinngewebeartig bis zur Oberfläche 
des Wassers entwickelten, wuchsen andere schwammartig, wieder andere wie 
Pflanzenfasern; bei allen diesen Vorgängen in der Tiefe war an der Wasser- 
oberfläche keine Spur von Eisbildung. Die Wassertemperatur blieb 0°, doch 
sank das Thermometer bei Berührung der Kugel mit den Eisgebilden auf — 0,3°, 
Es wurde darauf ein dünner trockener Baumzweig in der Kältemischung 
abgekühlt und dann in dasselbe Wasser getaucht, worauf auch von diesem aus- 
gehend dieselbe Erscheinung beobachtet wurde; beim Herausnehmen des Stockes 
hatte er dasselbe Aussehen, wie wenn der Busch an den Buhnenköpfen im Strome 
Siggeisbildung zeigt. Dieses Experiment wurde zum zweiten Male mit gleichem 
Erfolge wiederholt. Jetzt wurde das Wasser langsam aus der Schüssel gegossen, 
so dafs die Eisgebilde zurückblieben. Die im freien Wasser gefundenen Gebilde 
waren sehr weich, von der dunkleren Färbung abgesehen geronnener Milch oder 
Milchreis sehr ähnlich, und stark mit Wasser durchsetzt; das in einer Stärke 
von 4 bis 15mm überall am Boden und an den Seiten festsitzende Eis war 
schwammartig und ebenfalls mehr oder weniger mit Wasser gefüllt. Krystall- 
oder Blockeis war nicht dazwischen. 
Hierauf wurde der ganze Versuch mit einem Glase voll Wasser, welches 
in dieselbe Kältemischung gestellt wurde, wiederholt; der Verlauf war ähnlich 
wie der oben beschriebene mit der Blechschüssel. 
Zwei Tage später wurde der umgekehrte Versuch gemacht; die in einem 
kleinen Blechgefäfse befindliche Kältemischung wurde in Wasser von 0° Temperatur 
gestellt, worauf sich auch hier der schwammige Ueberzug am Blechgefäße bildete, 
Ist die oben beschriebene Art der Eisbildung sehr interessant und auch 
öfter nicht unbedeutend, so ist dieselbe doch verschwindend gegen die andere 
Art dieser Eisbildung, welche im fliefsenden Wasser vor sich geht, ohne dafs es 
der Berührung fester Körper zur Erstarrung bedarf, Der Vorgang selbst ist 
nicht genügend bekannt, und die Begründung dürfte kaum versucht sein. 
Wie sich aus den Beobachtungen ergiebt, hat das Wasser am Boden eine 
starke Wärmezufuhr, welche nur im Boden selbst zu suchen ist. Wenn man 
bedenkt, dafs die mittlere Jahrestemperatur eines Ortes sich in etwa 15m Tiefe 
unveränderlich im Boden dieses Ortes findet;') dafs dementsprechend Temperatur- 
messungen in Bohrlöchern eine schnelle Temperaturzunahme mit der Tiefe im 
Winter ergaben, z. B. am 3. Januar 1890 zu Sauerbrunn in Böhmen bei 
24° C Lufttemperatur schon in 6m Tiefe 6,4° C,?*) so scheint die Annahme 
nicht unberechtigt, dafs die Bodenleitung ein bedeutender Wärmequell für 
ein tieferes Flufsbett ist. Dieser Wärmequell dürfte freilich durch örtliche 
Verhältnisse —— Tiefe und Form des Flufsbettes, Bestand und Gestalt der Ufer — 
wesentlich modificirt werden. Rechnet man zu dem Obigen noch die Dichtigkeits- 
änderungen des Sülswassers, so wird das Bestreben der Wärmeschichtung leicht 
begreiflich, und auch die Thatsache findet ihre Erklärung, dafs es, wenigstens 
hier im Fluthgebiete, am Boden nicht zuerst, sondern erst zuletzt gefriert. 
Im Winter wirken Luft- und Bodentemperatur in entgegengesetzter Richtung 
auf das flielsende Wasser; beim Ueberwiegen der Kälte wird allmählich die ge- 
sammte Wassermasse auf 0° abgekühlt, und beim ferneren Beharren dieses Ver- 
hältnisses entsteht demnächst im Wasser der Zustand des Gefrierens oder des 
Gefrierenwollens, die Gegenerscheinung des Siedens, wofür die Uferbewohner 
der Unterelbe den plattdeutschen Ausdruck „Dat siggt“ haben;*®) es bilden sich 
1‘) Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen von Dr. Neumayer, Berlin 1875, 
Seite 137. 
?) Repertorium der Physik, 1891, Bd. XXVII, Heft 5. 
3) Den Ursprung dieses Wortes haben wir nicht feststellen können; es ist wahrschein- 
lich, dafs es entweder von seigen, sichten, sieben oder sickern kommt. Jedenfalls ist es uralt, 
Brauns gebraucht das Wort auch sehon, hat es indessen auch verhochdeutscht zu „Sichteis“. In 
der Aussprache hört man jedoch niemals vom „Sichten“ sprechen, obwohl es stellenweise wie 
„Sicken“ klingt. Es schien daher richtiger, den plattdeutschen Ausdruck „Siggen“, wie es vor- 
wiegend ausgesprochen wird, rein zu erhalten. An der Unterweser hat man stellenweise den Aus- 
druck „Dat gründjet“.
	        
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