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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

Meier: Weiteres über Grund- und Siggeis. 
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wenn es tief genug ist, ganz verschiedene Temperaturen aufweisen, und zwar 
bis zu etwa -- 4° C, dem Grade der gröfsten Dichtigkeit. Es ist also gewisser- 
malen eine Wärmeschichtung des Wassers in diesem Falle vorhanden, Im 
Hiefsenden Wasser hingegen, wo die einzelnen Wassertheilchen in einer fort- 
während auf- und absteigenden Bewegung sind, verschwindet der Temperatur- 
unterschied, und die Temperatur ist desto gleichmäfßiger, je schneller das Wasser 
fliefst, was auch durch die Beobachtungen bestätigt wird. In diesem Falle ist 
also eine Wärmeschichtung nicht vorhanden, ; 
In den Fluthgebieten der Ströme, wo Stauwasser und Strömung mitein- 
ander abwechseln, ist infolge dieser Thatsache die natürliche Wärmeschichtung 
zeitweise vorhanden, während sie zu anderer Zeit, je nach dem Grade der 
Strömung, abgeschwächt oder gänzlich aufgehoben wird. ; 
Die in der vorigen Arbeit ausgesprochene Vermuthung, dafs dem allgemein 
auf 0° abgekühlten Wasser weitere Wärme entzogen oder, was dasselbe ist, 
Kälte zugeführt werden muß, um Grundeisbildung zu erzeugen, dürfte wohl als 
Fundamentalgrundsatz aufzustellen sein. Die näheren Umstände, wie dieses ge- 
schieht, sind sehr verschieden und daher sekundärer Natur. Es tritt deshalb 
auch das ganze Phänomen obwohl in ähnlichen, so doch sehr voneinander ab- 
weichenden Formen in die Erscheinung. Es kommen hierbei vor Allem die 
beiden Faktoren Strahlung und Leitung in Betracht. 
Nach den Beobachtungen geschieht die Siggeisbildung hier immer zuerst 
auf den flachen Stellen und an den Stack- oder Buhnenköpfen, welche bei 
Niedrigwasser der Abkühlung durch die Kälte der Luft und Verdunstung direkt 
ausgesetzt sind, infolge dessen eine Temperatur unter 0° erreichen und später, 
wenn das Wasser mit der Fluth steigt, durch ihre Kälte wieder dem Wasser 
Wärme entzieben. Die Eisbildung ist unter diesen Umständen dem Reif sehr 
ähnlich, nur viel stärker; während Reif selten über einige Millimeter Stärke 
kommt, kann es beim Siggen zu fufß-, ja sogar meterdickem Ansatz kommen, 
Aehnlich verhält es sich mit den frei in das Wasser hängenden oder auf dem 
Wasser schwimmenden Körpern. Die in das Wasser herunterhängenden Ketten, 
Taue u. s. w. setzen immer, von oben beginnend, rund herum gleichmäßig an, 
bis gewöhnlich in einer bestimmten Tiefe plötzlich jeder Ansatz aufhört. Kin- 
zelne Fälle sind mir indessen bekannt geworden, wo der Ansatz ganz bis zum 
Anker, diesen sogar eingeschlossen, reichte; diese Fälle traten bei anhaltender 
sehr strenger Kälte ein. Ob in den gewöhnlichen Fällen die Eisbildung überhaupt 
nicht weiter gelangt oder beim Stauwasser wieder aufgelöst wird, ist bislang 
noch nicht untersucht. 
Bei den offenen Segelfahrzeugen setzen immer die Seitenschwerter, welche 
abwechselnd innerhalb oder aufßserhalb des Wassers sind und daher unterkalten, zuerst 
an, dann der hintere Theil des Fahrzeuges, wo das todte Wasser ist, und erst zuletzt 
der vordere, wo der Anstoß des Wassers erfolgt. Treibende oder leicht vorwärts be- 
wegte offene Fahrzeuge setzen überall gleichmäfsig an, halb gedeckte zuerst im 
ungedeckten Theile und ganz gedeckte fast nie. Ketten, Tauwerk und Netze, 
welche bei Kälte in das Wasser gelassen werden, setzen schneller an als bereits 
im Wasser befindliche gleichartige Gegenstände. In allen Fällen scheint die 
Abkühlung der betreffenden Körperoberflächen unter den Gefrierpunkt infolge 
von Strahlung und Leitung die Ursache des Ansetzens zu sein. Das angesetzte 
Eis ist, so lange es im Wasser bleibt, schwammig weich und sehr mit Wasser 
gefüllt; sowie es über die Wasserfläche kommt, sickert das Wasser heraus, und 
88 bleibt ein loses Gefüge mit vielen Hohlräumen nach, welches beim Anstoflsen 
meistens in sich zusammenfällt. 
Am 10. Januar 1892 von 1% bis 3 Uhr Nachmittags wurden bei einer 
Lufttemperatur von — 0,5° C interessante Versuche zur künstlichen Erzeugung 
von Grundeis angestellt; es wurden zu diesem Zwecke eine grofse und eine 
kleinere Blechschüssel im Schnee gleichmäßig abgekühlt, hierauf die gröfsere 
mit einer Kältemischung von Schnee und Eis gefüllt, welche Mischung Tempe- 
raäturen von — 3° bis zu — 12° aufwies. Es wurde dann die kleinere Schüssel, 
halb gefüllt mit reinem Elbwasser von 0° Temperatur, in die Kältemischung ge- 
setzt und das Ganze im Hausflur auf den Fufsboden gestellt, wo in gleicher 
Höhe die Lufttemperatur + 1,5° betrug.
	        
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