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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1892,
Zum Glück für diese armen Opfer nahm der Wind bald ab, und eine
Stunde nach der Katastrophe wurden Rettungszüge organisirt, um die Verwun-
deten in Sicherheit zu bringen. An der Spitze derer, die sich in diesem edlen
Werke auszeichneten, waren die Mitglieder der hiesigen Garnison unter Führung
des Majors Ashley,
Während man mit der Rettung der Verwundeten beschäftigt war, brachen
bier und da Flammen aus den Trümmern hervör, und bald war ein neues Element
der Zerstörung im Gange. Nur mit der gröfsten Mühe wurde man des Feuers
Herr, nachdem indessen viele Verwundete verbrannt waren.
Um 9* Abends hatte die Natur ihre Ruhe und Heiterkeit wiedergewonnen.
Der Wind war auf 11’/ m. p. s. (26 miles p. h.) abgeflaut und wehte aus SW. Der
Himmel war klar, und Sterne schienen in vollem Glanze.
Am folgenden Tage stieg eine herrliche Sonne auf über den Ruinen der
einst schönen Stadt Port Louis.
Niemand kann leugnen, dafs die Kolonie vom Orkan schwer gelitten hat,
und ein Blick auf den Umfang der materiellen Verluste muß den Muthigsten
niederdrücken. Es wird einige Zeit vergehen, bevor wir in der Lage sind, den
zenauen Betrag der Verluste und der Leiden anzugeben, welche der Kolonie
auferlegt wurden. Aber nach Einzelheiten, die zur Hand sind, ist eine ungefähre
Abschätzung unserer Verluste möglich. Nach einer Erkundigung war der Werth
ler Gebäude von Port Louis auf 20 Mill. Rp. (1 Rp. = ca 1'/» M.) geschätzt.
Hiervon sind etwa 12 Mill. Rp. verloren. Die Stadt ist jetzt nur 8 Mill. Rp. werth.
Das Finanzkomitee der Regierung, welches den Betrag der Anleihe ab-
schätzte, die nöthig ist, um die Insel vor dem Bankerott zu bewahren, hat die
Verluste an den Zuckerpflanzungen auf 14 Mill. Rp. geschätzt, welche von einer
Jahreseinnahme von 24 Mill. Rp. abgehen. Hierzu kommen noch 2 Mill. Rp.
an Schäden an Wohnungen auf dem Lande und anderem Privateigenthum, und
wir befinden uns einem Schaden von 28 Mill. Rp. oder nahe 2 Mill. Pfund
gegenüber.“
Finem vom 11. Mai d. J. datirten Briefe eines jungen Hamburgers an
seine Familie, welcher im Hamburgischen Korrespondenten erschienen ist, ent-
nehmen wir noch die folgenden Angaben:
„Noch immer liegen viele Todte unter dem Schutt, Die Luft ist dadurch
weithin verpestet, und man wendet alles Mögliche auf, um die Leichen zu finden
und zu beerdigen.
In Mauritius sind gegen 1000 Menschen ums Leben gekommen, 275 Leichen
konnten gar nicht bestimmt werden und mufsten ohne Weiteres begraben werden.
Die Zahl der Verwundeten ist schwerlich festzustellen. Die Hospitäler sind
übervoll und reichen nicht aus, man hat Kasernen und Kirchen in Krankenhäuser
umgewandelt. — Man kann wohl sagen, dafs viele Häuser nicht sehr solide
gebaut waren, aber ich bin der Ansicht, dafs sie auch nicht widerstanden hätten,
wenn sie ganz massiv gebaut wären, denn ich sah starke solide Mauern gänzlich
zertrümmert, dicke eiserne Träger krumm gebogen, als seien sie aus Blech. Ein
ganz aus Quadersteinen gebautes Kloster ist in einen Schutthaufen verwandelt.
Am Hafen war die Verwüstung auch furchtbar; viele Schiffe waren gekentert,
andere gegeneinander getrieben und stark beschädigt; 10 Leichter lagen 50 m
vom Hafen entfernt, an Land getrieben, in den Strafen, ein grausiges Chaos!
Die Verluste an Geld und Gut sind selbstredend enorm; reiche Leute sind
zu Bettlern geworden, denn von den Häusern ist nur Schutt und Breunholz übrig
geblieben; die Zuckerernte, die dieses Jahr besonders schön zu werden versprach,
ist theilweise vernichtet, die Zuckerfabriken arg beschädigt oder ganz zerstört.
Besonders tüchtig hat sich der Gouverneur Jerningham gezeigt. Es wurden
sofort Lebensmittel unter die Obdachlosen vertheilt, Hospitäler eingerichtet und
mit dem Aufräumen begonnen, ferner wurde eine Anleihe von 600000 Pfund Sterling
votirt, die in erster Linie den Zuckerpflanzern zu Gute kommen soll, da die
Zuckerindustrie der Lebensnerv der Insel ist. Diebe und Räuber auf den Trümmern,
die schamlos die Gelegenheit ausnutzen wollen, werden ohne Weiteres auf der
Stelle mit dem Bajonnet niedergestofßsen, Leute, die nicht arbeiten wollen, ver-
haftet. Anerkennenswerth ist auch das Benehmen der Araber, die schon am
arsten Tage Reis und Geld dem Gouverneur zur Verfügung stellten.“