Der Orkan auf Mauritius am 29. April 1892.
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Der Orkan auf Mauritius am 29, April 1892.
Durch die Güte des bekannten Cyklonenforschers und Direktors des
Alfred-Observatoriums auf Mauritius, Dr. Meldrum, sind der Seewarte zwei
Nummern der dortigen „Merchants and Planters Gazette“ zugegangen, welche
mit Angaben über das Unglück erfüllt sind, das die Insel getroffen hat, und
namentlich zwei werthvolle Artikel enthalten, die wir unseren Lesern in unyver-
änderter Uebersetzung vorführen.
„Am Freitag, den 29. April d. J., schritt ein furchtbarer Orkan über die
Insel hin, der ein Drittel der Stadt Port Louis in Trümmer legte, welche eine
Bevölkerung von 70000 Seelen zählt. Unzählige Wohnhäuser und öffentliche
Gebäude wurden von Grund aus zerstört, der gröfsere Theil der Zuckerernte ver-
nichtet und sämmtliche Schiffe im Hafen beschädigt, mehr als 1500 Personen
sind getödtet oder seitdem an ihren Wunden verstorben; etwa 2000 bis 3000 sind
mehr oder weniger schwer verletzt und mindestens 25000 wurden obdachlos und
gänzlich ruinirt, -
Es giebt in den Annalen der Kolonie kein Beispiel von einem Sturm, der
mit solcher Gewalt gewüthet und solche Verwüstungen angerichtet hätte.
Zwei Tage vorher deutete der Barometerstand auf eine atmosphärische
Störung, welche nördlich von der Insel sich fortbewegte, aber es wurde zuver-
sichtlich in Aussicht gestellt, dafs dieselbe in sicherer Entfernung von uns vorüber-
gehen würde. Um 11® a. m. am Tage der Katastrophe selbst sandte das Obser-
vatorium ein Telegramm ab des Inhalts, dafs die Wetterlage im Ganzen ungünstig
sei, aber die Windgeschwindigkeit 25 m. p. s. (56 miles per hour) wahrscheinlich
nicht übersteigen werde.
Unglücklicherweise erfüllte sich diese Erwartung nicht: das Barometer
fuhr fort in beschleunigtem Tempo zu fallen, und es wurde nun offenbar, dafs sich
eine Cyklone auf die Insel zu bewegte.
Um Mittag stand das Barometer auf 738,1 mm, und hatte der aus NE'/LE
wehende Wind 30,4 m.p.s. (68 miles p. h.) erreicht, Um 1 Uhr war seine
Geschwindigkeit auf 43 m. p.s. (96 miles p. h.) angewachsen, während das Baro-
meter auf 724,3 mm gefallen war. Zu dieser Zeit war der Sturm fürchterlich;
dennoch war kein bedeutender Schaden geschehen. Aber das Barometer fuhr
fort zu fallen, bis es um 2*26" p.m. den Stand von 710,6 mm erreichte, den
tiefsten bis jetzt in Mauritius abgelesenen. Wir waren nun im Centrum der Cyklone.
Eine ruhige Pause von etwa einstündiger Dauer trat nun ein, und Viele
glaubten, dafs Alles vorüber sei. Kine schwächere Briese vom nördlichen Theile
der Insel her wehte, ein matter Sonnenstrahl durchbrach die dunklen Wolken,
und es sah aus, als ob das schöne Wetter eingesetzt hätte. In diescr Zeit indessen
drehte der Wind nach WNW, mit gelegentlichen Schwankungen gegen WSW,
Der Wind begann zuzunehmen, und es mufste jedem, der sich mit Meteo-
rologie beschäftigt, klar werden, dal das Centrum der Cyklone die Insel über-
schritten hatte und dal wir noch nicht von der furchtbaren Erscheinung erlöst
waren.
Plötzlich wurde ein zischendes Geräusch aus SW hörbar, und eine Böe
von entsetzlicher Gewalt brach wie ein Donnerschlag über die Stadt herein,
welche alle Gebäude erbeben machte und Bretter, Schindeln, zusammengerollte
Dachbleche und starke Baumäste in weitem Wurfe verstreute. Hierauf folgten
rasch nacheinander jene betäubenden Böen, welche alles Eigenthum auf ihrem
Wege zu zerstören drohten, wobei die Geschwindigkeit des Windes bis auf
54 Meter per Sekunde (121 miles p.h.) anstieg. Der Anblick, der sich den
Augen nach allen Richtungen darbot, war fürchterlich, und das Gebrüll des
Sturmes erhöhte noch das Gefühl des Schreckens. Der Engel des Todes flog
über das Land dahin.
Nun begannen die Wohnhäuser in Port Louis, die Kirchen, die öffent-
lichen Gebäude einzustürzen, in ihrem Falle eine Menge Menschen begrabend.
Die Scene war unbeschreiblich. Von allen Seiten sah man Leute nach einem
Schutz laufen, während um sie herum die Häuser übereinander stürzten
Ann. d. Hydr, ete.. 1892. Heft YL