484 Bericht über die Taifune vom 17., 18. und 19., und 29. bis 30. Juli 1891.
plötzlich mit Drehung auf NNW ab, die Luft wurde durchsichtig, es kamen Mond
und Sterne zum Vorschein und einige Seevögel umflatterten ängstlich das Schiff,
welches mit NO-Kurs verhältnifsmäfsig ruhig gegen die See lag. Um 12 Uhr,
als der Wind ganz flaun von NW geworden war, erlangte das Barometer mit
725,6 mm seinen tiefsten Stand; gleich darauf sah ich, wie der Rauch des Schorn-
steins plötzlich gerade in die Höhe stieg und etwas später von SW zog. Sofort
liefs ich die während einiger Zeit langsam arbeitende Maschine mit voll Dampf
yehen, um möglichst rasch eine Wendung des Schiffes auf SW-Kurs herbeizu-
führen, was in der kurzen Zeit von 5 Minuten erreicht wurde. Der Wind frischte
nun schnell, bei steigendem Barometer, aus der letztgenannten Richtung auf und
fiel 15 Minuten, nachdem der windstille Raum über uns hinweggegangen war,
mit einer unbeschreiblichen Stärke ein. Es war nur möglich, sich fest ange-
klammert gegen diesen Wind zu halten, die 2 Zoll dicken eisernen Stangen des
Schutzkleides der Brücke waren förmlich krumm gebogen. Vom Seegang war
des jetzt viel stärkeren Regens, des Wasserdunstes und des Gischtes wegen nichts
zu erkennen. Das Schiff liefs sich bei voller Kraft der Maschine verhältnifs-
mäßig gut auf einem SW-Kurse halten, wodurch es vor Schaden bewahrt blieb.
Diese furchtbare Stärke des Taifuns dauerte etwa % Stunden, dann wurde der
Wind etwas leichter, doch traten noch Böen auf, die in einigen Fällen denselben
Grad erreichten. Die schlimmste See erhielten wir erst gegen 2 Uhr Morgens
den 19. Juli, als der Wind bereits etwas von seiner Stärke verloren hatte. Kine
furchtbar schwere See veranlafßste schliefslich noch das Uebergehen der Ladung,
Joch konnte die Lage des Schiffes durch das Volllaufenlassen einer Tankabthei-
lung an der entgegengesetzten Seite mit Wasser regulirt werden. Die See ver-
arsachte auch weiter keinen erheblichen Schaden. Um 4" p. m. war das Baro-
meter bereits bis 741,8 mm gestiegen, als der Wind von SW mit einer mäßigen
bis leichten Stärke wehrte.
Um 8'% Uhr Abends am 19. Juli erreichte ‚„Tai-cheong‘“ wohlhehalten
den Hafen von Hongkong.
Zufolge einer Vergleichung meiner meteorologischen Beobachtungen vom
18/19. Juli mit den zur selben Zeit in //ongkong gemachten bin ich zu der
Ansicht gelangt, dafs das ganze Taifunfeld einen Durchmesser von nicht viel über
400 Sm gehabt haben kann, während ich denjenigen des Centrums auf ungelähr
15 Sm schätze. Die fortschreitende Bewegung des letzteren hatte bei unserem
Vorübergang eine Geschwindigkeit von 12 bis 15 Sm in der Stunde. Der wind-
stille Raum scheint nicht recht im Mittelpunkt, sondern mehr in der hinteren
Hälfte des Taifuns gelegen zu haben, den stärksten Wind und den meisten
Wasserdampf hatten wir nach dem Passiren des Centrums, als das Barometer
bereits im Steigen begriffen war.
Am 28. Juli 1891 um 3 Uhr Nachmittags wurde ‚Tat-cheong‘“ mit einer
Theilladung und Passagieren von Swatauw nach Dele expedirt. Am vorher-
gegangenen Tage war bei der chinesischen Zollbehörde in Swataw ein "Lele-
gramm von Hongkong eingelaufen, welches folgenden Wortlaut hatte: „Manila
26./7. p. m., a small Taifoon is passing south of the Philippine-Isls., entering
the China Sea“. Mit Rücksicht auf das vorstehende Telegramm, nach welchem
ich vermuthete, dal der Taifun eine westliche Fortbewegung habe, setzte ich
meinen Kurs von Breaker-Spitze auf die Maccelesfield-Bank, den kürzesten Weg
wählend und hoffend, dafs der signalisirte Taifun, der seit dem Passiren der
Pilippinen bereits 21/2 Tage unterwegs gewesen war, vor uns über gehen würde,
Das Wetter war bei unserem Abgange von Sırataw, bei einer leichten nordöst-
lichen Briese und einem gewöhnlichen Luftdruck von 756,5 mm (unred.), schön
and hatte keine verdächtigen Anzeichen. Um Mitternacht vom 29. zum 530. Juli,
in ungefähr 18° 10‘ N-Br und 114° 50‘ O-Lg, wurde die Luft, bei zunehmendem
Seegang aus E bis SE und Blitzen im S, böig und das Barometer fiel schnell
von 751,6 auf 748,9 mn (unred.); alles Zeichen dafür, dafs wir in dem Bereiche
des Taifuns angelangt waren, und zwar wiederum in dem rechten vorderen
Viertel desselben. Um mit dem ballastbeladenen Schiffe dem Centrum nicht zu
nahe zu kommen und weil Seeraum genug vorhanden war, um dem Taifun nach
der einen oder der anderen Richtung aus dem Wege steuern zu können, liefs ich
zunächst bei dem Winde aus NEzlG zurück nach NOzN steuern mit der Absicht,
mich vorher über die ungefähre Richtung des Centrums zu vergewissern. Um