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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 19 (1891)

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Aus dem Reiseberichte der deutschen Bark „Christel“, 
kurzer Dauer. Solche Böen wiederholten sich mit halbstündigen Pausen während 
der ganzen Nacht. Merkwürdiger Weise blieb der Barometerstand auch bei 
diesem Vorgange unbeeinflufst. Erst am Morgen trat ein allgemeines Aufklaren 
des Wetters ein. 
Von Kap Hatteras die Reise weiter fortsetzend, trafen wir zunächst meistens 
steife nördliche und nordöstliche Winde, mit denen natürlich nicht nach Norden 
zu kommen war, und im Süden des Golfstromes fanden wir einen südlich setzenden 
Gegenstrom. Ich habe schon manche Reise nach Nordamerika und zurück ge- 
macht, aber dabei keine so schlechte Gelegenheit getroffen, als es diesmal der 
Fall war. 
Am 3. Oktober kamen in 37° N-Br und 57° W-Lg leichte veränderliche 
Winde durch, mit welchen wir am 9. Oktober 42,7° N-Br und 43,6° W-Lg 
erreichten, 
Am Nachmittage des eben genannten Tages wehte ein frischer SSE- bis 
Südwind, und es lief eine hohe Dünung von NE. Es traten jetzt, nachdem das 
Wetter während des letzten Etmals schön und trocken gewesen war, wenngleich 
im Westen eine schwere drohende Wolkenmasse lagerte, Böen mit Regen auf. 
Der Luftdruck befand sich im Abnehmen. Derselbe betrug am 9. Oktober um 
1 Uhr Morgens etwa 759,8 mm, um 4 Uhr 759,3 mm, um 8 Uhr 757,1 mm, um 
12 Uhr Mittags 754,9 mm und um 4 Uhr Nachmittags 749,5 mm (reducirt). Es 
waren somit alle Vorboten eines baldigen Sturmes vorhanden, weshalb wir 
sämmtliche Gegenstände an Deck mit doppelten Laschungen versahen und den 
Eingang zur zweiten Kajüte wohl verschlossen. Um 8 Uhr Abends war der 
Barometerstand bis auf 741,4 mm (red.) herunter gegangen; es war bis jetzt keine 
Richtungsänderung des bei anhaltendem Donner und Blitzen und wolkenbruch- 
artigem Regen als voller Orkan wehenden Windes bemerkbar. Sämmtliche 
Segel waren mit doppelten Beschlagzeisingen festgemacht, und das Schiff trieb 
vor Topp und Takel. Das Ruder wurde mit Reservetaljen versehen und Alles 
für ein nothwendig werdendes Kappen der Masten in Bereitschaft gehalten. Ich 
glaubte annehmen zu dürfen, dafs das Centrum des Orkans gerade über uns 
hinweggehen würde; da aber das Schiff so sehr rank war, konnte ich nichts 
anternehmen, um vielleicht noch vor demselben vorüber zu kommen. Um 10 Uhr 
Abends betrug der Luftdruck ungefähr 742,6 mm (red.), und der Wind war 
mittlerweile bei derselben Stärke (12) auf SW geholt, ein Zeichen, daß wir uns 
auf der rechten Seite der Bahn des Sturmfeldes und in einem geringen Abstande 
von dem Centrum desselben befanden. Hell leuchtende St. Elmsfeuer waren 
auf den Spitzen der Masten und den Nocken der Rasen wahrzunehmen. 
Um 6 Uhr Morgens am 10. Oktober erreichte der Luftdruck mit etwa 
735,3 mm (red.) seinen tiefsten Stand, bei dem Winde WSW12, und um 8 Uhr 
hatte derselbe bis 738,7 mm, mit dem Winde W12, zugenommen. Es wehte 
anunterbrochen fürchterlich, das Schiff lag platt auf der Seite, mit der Lee- 
reling beständig unter Wasser. KEin eigenthümliches Geräusch in der Luft, 
ähnlich dem Geschützdonner oder dem Rasseln einer Ankerkette. war hörbar. 
Die Luft hatte ein schmieriges Aussehen mit abwechselnden Regengüssen. Die 
See läfst sich kaum beschreiben, die Wellenberge erhoben sich in Form von 
Pyramiden und stürzten brausend über einander hinweg. 
Der „Christel“ ist ein sehr gutes Schiff und wehrte sich tapfer. Um 
12 Uhr Mittags fielen solch schwere Windstöfßse ein, dafs ich befürchtete, dieselben 
würden das Schiff zum Kentern bringen. Die Leute standen fertig, die Masten 
zu kappen. Es ist für einen Schifisführer in einer solchen Lage schwer, zu 
entscheiden, wann der rechte Augenblick zum Kappen gekommen ist, das Schiff 
seiner Masten zu berauben und es in ein Wrack umzuwandeln, um das Leben 
der Besatzung zu retten, bevor es zu spät ist, 
Der Orkan hielt ununterbrochen bis 2 Uhr Morgens am 11. Oktober an, 
bis zu welcher Zeit das steigende Barometer einen Stand von etwa 751,3 mm (red.) 
erlangt hatte. Von nun an liefs die Heftigkeit des Windes nach; wir versuchten 
um 3 Uhr das Schiff durch Setzen des Vorstengstagsegels vor den Wind zu 
oringen, was erst gelang, nachdem mehrere Sturzseen über das Schiff hinweg- 
gebrochen waren. Dann lenzten wir vor Topp und Takel bis 10 Uhr Vormittags, 
worauf eine Besserung des Wetters eintrat und wir bei allmählich abnehmendem, 
westlichem bis westnordwestlichem Winde nach und nach alle Segel setzten.
	        
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