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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 19 (1891)

Ans dem Reiseberichte der deutschen. Bark „Christel“.. 
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Am 9. Mai verließen wir in Ballast Buenos Aires, um nach Barbados für 
Order zu versegeln. Längs. der Küste von Brasilien wurde die Reise fast auf 
der Route der Ausreise vollführt, wobei wir eine sehr günstige Gelegenheit vor- 
fanden. Um unser Chronometer zu reguliren, wurde Fernando Noronha angelaufen, 
wobei sich ergab, dals unsere Länge 44‘ zu östlich war. . 
Am 5. Juni trat in 1,0° S-Br und 35,0° W-Lg Mallung, Windstille und 
Regen ein, welcher Witterungszustand erst am 14. Juni in 6,2° N-Br und 434° 
W-Lg durch beständiges Wetter mit nordöstlichen Winden, die uns einen guten 
Fortgang ermöglichten, wieder aufgehoben wurde, Nach einer 41ltägigen Reise 
ankerten wir am 19. Juni unter Bridgetown, Charlotte-Bai (Barbados). . Lootsen 
findet man stets aufserhalb der Bai vor, aber man kann ganz gut ohne deren 
Hülfe einsegeln und ankern. 
Am 24. Juni traten wir die Weiterreise von Barbados nach New-Orleans 
an. Bis zur Küste von Yucatan herrschte ein durchschnittlich steifer NE-Passat; 
im Golf von Mexiko fanden wir umlaufende Winde mit Gewitterschauern. Am 
2. Juli liefen wir unter Führung eines Lootsen in die Südpassage des Mississippi 
ein. Hier hatten wir uns einer fünftägigen Quarantäne zu unterwerfen, sämmt- 
liche Räume des Schiffes und die darin befindlichen Gegenstände, als Betten u. 8, W., 
wurden gründlich desinficirt. 
New-Orleans wurde am 29. August 1890 mit einer Ladung Tabak in Fässern, 
bestimmt nach Bremen, wieder verlassen. Beim Segelsetzen außerhalb der Mün- 
dung des Mississippi stellte es sich heraus, dafs das Schiff sehr rank war, was bei 
böigem Wetter grofse Vorsicht nöthig machte und daher die Reise verlangsamte. 
Die Windrichtung schwankte bei einer mäßigen Stärke zwischen E und NE, 
abwechselnd mit schweren, wenn auch nur kurzen Böen, die es nothwendig 
machten, jedesmal sämmtliche Segel bis auf die Untermarssegel einzunehmen. 
Auf diese Weise benöthigten wir 12 Tage, um bis zur Strafse von Florida und 
3 Tage, um durch dieselbe zu kreuzen. Den Strom fanden wir stets längs der 
Küste setzend, aber mit ganz verschiedenen Geschwindigkeiten. Meine Hoffnung 
auf eine leichtere Fortsetzung der Reise von hier ab erwies sich leider als eine 
Täuschung, es stand uns vielmehr das Schlimmste noch bevor. Der Anfangs 
leichte südöstliche Wind, mit dem ein Ostnordostkurs gesteuert wurde, war von 
einer nur kurzen Dauer, und es traten leichte östliche Briesen und Stillen an 
seine Stelle, mit denen nicht voran zu kommen war; 23 Tage in See, stand das 
Schiff erst in 32,2° N-Br und 77,3° W-Lg. Ich suchte nun den Golfstrom wieder 
zu erreichen, um uns wenigstens bei den leichten Winden die günstige Strömung 
nutzbar zu machen. Ich möchte hierbei einschalten, dafs ich diese Reise zum 
ersten Mal machte und nicht im Besitz einer Segelanweisung ‘ war. Ist schon 
das langsame Vorwärtskommen für den Führer eines Segelschiffes überhaupt sehr 
unangenehm, so machte das Bewulfstsein, sich in der Zeit des Auftretens der 
schweren Wirbelstürme in deren Gebiet zu befinden, unsere Lage noch unerträg- 
licher. Trotz des schönen Wetters lagerten im SE stets schwere drohende 
Wolken; in der Nacht beobachteten wir von unten aufschiefsende Blitze. Alle 
Wetteranzeichen eines nahenden Sturmes waren vorhanden, nur das Barometer, 
der eigentliche Warner, hielt sich auf seiner seitherigen Höhe, Mehrere Male 
hatte ich Gelegenheit, kleine Wirbelwinde (Windhosen) über die Meeresoberfläche 
fortschreiten zu sehen; einer derselben passirte kaum 9 m hinter dem Heck des 
Schiffes. Den Durchmesser dieser Windhose schätzte ich auf 15m. Durch die 
drehende Bewegung derselben wurde das, Wasser in die Höhe gesogen und wie 
Dampf herumgeschleudert. In der Mitte des Wirbels bemerkte ich eine glatte 
Wasserfläche, aber hinter demselben war die See aufgeregt. . 
Am 25. September, nach einer 26tägigen Reise, wurde die Breite‘ von 
Kap Hatteras im (3,4° W-Lg passirt.‘ Der Wind war vorzugsweise östlich, und 
orkanartige Böen mit wolkenbruchartigem Regen und umspringendem Winde, in 
denen das Schiff wiederholt unter Topp und Takel lag, waren fast täglich vor- 
gekommen. . Am letztgenannten Tage überzog sich der ganze Horizont mit einer 
dicken schwarzen Wolkenbank, und die Nacht war so finster, dafs man keine 
Hand vor Augen sehen konnte. Dabei zuckten ringsum Blitze von unten nach 
oben. Es war so zu sagen todtenstill, plötzlich hörten wir. in allen Richtungen 
ein Geräusch, ähnlich demjenigen, welches ein fahrender Eisenbahnzug hervorruft, 
und gleich darauf fel der Wind stürmisch über das Schiff her, war. aber nur von
	        
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