36,
Aus dem Reiseberichte der deutschen Bark „Christel“.
Bericht des Kapt. L. Müller, Führer der deutschen Bark
„Christel“, über eine von ihm gemachte Reise von Newport
über Buenos Aires und Barbados nach New-Orleans und zurück
nach Bremerhaven.
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte.)
Am 24. Dezember 1889 verliefsen wir den Hafen von Newport, mulsten
aber des steifen WSW-Windes wegen bis zum 27. Dezember auf der Rhede vor
Anker liegen und konnten erst an diesem Tage mit dem durchkommenden süd-
östlichen Winde die Reise nach dem La Plata antreten. Leider brachte uns
dieser Wind nur bis aufserhalb des Bristol-Kanals, dann waren veränderliche
Winde vorherrschend, mit denen wir am 4. Januar 1890 43,7° N-Br in 14,3° W-Lg
erreichten. In der Nähe dieser Position wurde das Schiff durch anhaltende
stürmische südwestliche Winde, die zuweilen die Stärke eines schweren Sturmes
annahmen, ohne seinen Ort wesentlich zu verändern, bis zum 9. Januar auf-
gehalten, worauf wieder leichte Winde aus verschiedenen Richtungen die Ober-
hand gewannen. Nachdem 27 Tage auf See zugebracht waren, erhielten wir am
23, Januar in 27,6° N-Br und 23,9°. W-Lg den NE-Passat, der zwar meistens
frisch, aber südlich von Ost war und das Schiff nach 2,5° N-Br in 263° W-Lg
brachte. Hier trat Windstille mit heftigem Regen ein, welche durch eine vier
Stunden anhaltende sturmartige Böe von SW aufgehoben wurde. In dieser Böe
verlor ich beinahe alle Segel, und dafs die Stengen nicht brachen, ist nur dem
Umstande zuzuschreiben, dafs das Schiff rasch vor den Wind abfiel. Nach einer
Reise von 44 Tagen seit dem Verlassen der Rhede von Newport wurde am
9. Februar der Aequator in 262° W-Lg gekreuzt.
Die äquatoriale Grenze des SE-Passats lag in 1,6° S-Br und 25,6° W-Lg.
Der Passat, aus einer recht südöstlichen Richtung wehend, erwies sich im weiteren
Verlauf der Reise durchschnittlich als eine mälsige, zuweilen auch frische Briese,
bei schaumigem, regnerischem Wetter und häufigem Wetterleuchten. Kap Frio
wurde in einem Abstande von 200 Sm passirt, worauf wir den Kurs auf Kap
Santa Maria setzten. Der Passat brachte uns nach 26,5° S-Br in 40,5° W-Lg;
dann traten veränderliche Winde, meistens aus einer südwestlichen Richtung, mit
Donner, Blitzen und heftigem Regen ein. In 29° S-Br holte der Wind wieder
östlich, schwankend zwischen NE und SE, welche Gelegenheit uns zunächst rasch
unserem Reiseziel entgegen führte, so daß wir am 5. März 33,3° S-Br in 49,8°
W-Lg erreichten. Allein hier änderten sich die Windverhältnisse zu unserer
Ungunst; häufige Rundläufe des Windes durch SW, begleitet von stürmischem
Wetter, trieben uns immer wieder von der Küste ab, welche einmal von uns
gesichtet wurde. Bei diesen stürmischen Winden muls man sehr vorsichtig in
der Segelführung sein, da sie manchmal ganz plötzlich auftreten. Die Dauer
derselben ist freilich meistens nur kurz. Die gegebenen Wetteranzeichen für das
Auftreten dieser Winde sind zwar nicht selten trügerisch, sollten aber nichts-
destoweniger beachtet werden. Am 13. März erhielten wir unter Kap Santa
Maria einen Lootsen von Buenos Aires, einen tüchtigen und zuverlässigen Mann,
unter dessen Anweisung wir am 14. März nach einer Reise von 77 Tagen auf
der Rhede von Buenos Aires zu Anker gingen.
Wie gefahrvoll das Befahren des La Plata ist, sieht man so recht an den
vielen Wracks, besonders an der Südküste desselben und auf der englischen Bank.
Vier Schiffe, welche gleichzeitig mit uns Newport verliefsen, kamen an demselben
Tage als wir in Buenos Aires an. Nach eingezogener Erkundigung erfuhr ich,
dafs die von diesen eingeschlagenen Routen nur wenig von der unserigen
abwichen.
{m Monat Mai war der Wasserstand auf dem La Plata ein derart niedriger,
dafs die Schiffe in der Boca trocken zu liegen kamen, ein äußerst seltenes Vor-
Oommnıls.