Segelanweisungen für einige regelmäfsige Reiserouten S. M, Schiffe, 357
Oftmals treiben jedoch in der Nähe derselben kleinere abgelöste Stücke, mitunter
kaum aus dem Wasser ragend, aber doch grofs geuug, um ein rasch segelndes
Schiff schwer beschädigen zu können. Da sie so niedrig und deshalb so schwer
zu erkennen sind, sind diese kleinen Stücke natürlich die allergefährlichsten.
Gewöhnlich treiben sie an der Leeseite, weil sie von der durch den Wind hervor-
gerufenen Oberflächentrift des Wassers viel mehr beeinflufst werden, als die
tiefer stechenden Berge. Es ist deshalb rathsam, stets an der Luvseite. eines
Eisberges zu passiren, oder wenn dies nicht gut möglich ist, der Leeseite einen
weiten Abstand zu geben. Aus derselben Ursache, wie die abgebröckelten KEis-
stücke, dürfte sich auch das kalte Schmelzwasser wohl meistens in Lee der Eis-
berge befinden.
Die vorher angegebenen Routen, die die kürzesten Wege bezeichnen,
können nicht wohl immer genau eingehalten werden. Es treten Umstände ein,
die ein Abweichen nothwendig machen. Die zuverlässigste Anleitung, wie in
solchen Fällen zu verfahren ist, ergiebt sich aus der Betrachtung der für das
Auftreten der Winde mafsgebenden Luftdruckverhältnisse.
Das Vorherrschen der westlichen Winde in den mittleren und höheren Breiten
wird bekanntlich dadurch bewirkt, dafs sich nördlich davon (auf der südlichen
Halbkugel) ein. Gebiet hohen Luftdruckes befindet, während südlich davon
niedrigerer Druck herrscht. .Das Maximum, welches eine mittlere Höhe von
ungefähr 765 mm hat, liegt im Indischen Ocean gewöhnlich in 20° bis 30° S-Br.
Von hier bis nach 50° S-Br beträgt die Druckabnahme im Mittel etwa 15 mm.
Da der Gradient, d. i. die Druckabnahme auf einer Distanz von 60 Sm (111 km),
von dessen Größe die Windstärke abhängig ist, in der Nähe des Maximums stets
bedeutend geringer ist, als in größerem Abstande von demselben, so folgt, dafs
man, um frische günstige Winde für die Fahrt nach Osten zu erhalten, sich stets
in gehöriger Entfernung von dem Gebiete hohen Luftdruckes halten muß. Dieses
beschränkt sich aber nicht immer auf die angegebenen Breiten;. es kommt oft
vor, dal dasselbe eine beträchtliche Ausdehnung oder eine Verschiebung nach
Süden erfährt, was an Bord eines auf dem hier besprochenen Seewege befind-
lichen Sehiffes in einem Steigen des Barometers bei gleichzeitigem Abflauen des
Westwindes, oder auch, wenn das Schiff nach der Nordseite des Maximums
geräth, in einer Richtungsänderung des Windes nach Ost sich äufsert. Es ist
klar, dafs ein Schiff unter solchen Umständen, d. h. wenn es bei hohem Baro-
meterstande den günstigen Wind zu ftau oder östlichen Wind hat, die bessere
Gelegenheit immer am ehesten im Süden von sich finden wird.
Am leichtesten geräth ein Schiff in eine solche Lage durch die in östlicher
bis südöstlicher Richtung fortschreitenden Maxima, welche sich in dem. Gürtel
hohen Luftdruckes nicht selten ausbilden, indem es durch den südlichen‘ Wind,
der an der vorderen (Ost-) Seite des Maximums weht, und die denselben oft be-
gleitende hohe See zu einem Kurse‘ nördlich von Ost genöthigt wird. Meistens
geht aber dem Maximum eine Luftdruckdepression vorher. Ein Schiff, dem sich
dieselbe von Westen nähert, hat zunächst bei abnehmendem Luftdruck nördlichen
Wind; erst wenn das Barometer seinen niedrigsten Stand erreicht hat, oder, mit
anderen Worten, wenn das Minimum. an dem Schiffe vorübergegangen ist, gelangt
letzteres in das Gebiet der südlichen Winde. Es ist also die Gelegenheit ge-
boten, gegen die schädlichen Folgen des Abhaltens bei südlichem Winde Vorsorge
treffen zu können, indem man mit dem vorhergehenden nördlichen Winde südlicher
als den direkten Kurs steuert. Dies ist insbesondere für den ersten Theil des
Weges anzurathen, wenn sich das Schiff noch in einer ziemlich niedrigen Breite
befindet und der Barometerstand ein verhältnifsmäfsig hoher ist. Hat man es
mit einer tiefen, von stürmischem Wetter begleiteten Depression zu thun, so darf
man dagegen nicht vergessen, dafs man sich mit dem Abhalten nach Süden der
Mitte des Sturmfeldes nähert. ;
Mitunter kommt es auch. vor, dalßs man für die vorhandene Wetterlage zu
südlich steht, wenn nämlich das Gebiet hohen Luftdruckes und damit auch das
südlich davon gelegene Depressionsgebiet so weit nordwärts verschiebt, dafs das
Schiff sich südlich von dem Striche niedrigsten Druckes, in dem Bereiche der
östlichen Winde der Depression befindet. Unter solchen Umständen, das ist,
wenn der östliche Wind Bei verhältnifsmäfßsig niedrigem Barometerstande auftritt,
kann man von dem Verfahren, weiter nach Süden zu gehen, um. eine bessere