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Bemerkung über die in Aspinwall (Colon), Columbien, wehenden Norder.
Nacht war schönes Wetter. Später jedoch nahm die in den Hafen setzende
Dünung immer mehr zu und wurde so schwer, dafs die an den Molen liegenden
Dampfer die Molen verlassen mufsten. Nach Anbruch des 19. Dezember wurde
der Wind stürmisch und erreichte in sehr kurzer Zeit eine solche Höhe, dafs
fast alle Dampfer in See gingen. Der Postdampfer „Newport“ dampfte nach der
anderen Seite des Hafens und ankerte in Lee von der Spitze Toro, sah sich
aber bald genöthigt, gleichfalls in See zu gehen. Ein vor zwei Anker liegender
Dampfer trieb fast 1 Sm weit, ehe er so viel Dampf auf hatte, um den Hafen
verlassen zu können. Der französische Postdampfer „Canada“, welcher am
Nachmittage desselben Tages vor der Hafeneinfahrt anlangte, lief nicht ein, weil
in der ganzen Bucht sehr hoher Seegang stand.
Dieser Norder war der heftigste seit einer Reihe von Jahren, und nur die
zufällige Abwesenheit von Segelschiffen im Hafen, sowie die verhältnifsmäfsig
geringe Zahl von Dampfern ist der Grund, dafs kein Schiff strandete oder
Schaden erlitt.
Während der Jahreszeit, in welcher die Norder auftreten, sollten die in
Aspinwall liegenden Dampfer stets Dampf auf haben, um in kürzester Zeit nach
See gehen zu können. Diese Regel befolgen auch beinahe alle Dampfer jeglicher
Nation, ganz gleich, wie lange sie in dem Hafen zu bleiben gedenken. Die
Norder stellen sich immer so plötzlich ein, dafs keine Zeit übrig bleibt, Vor-
bereitungen für einen Sturm zu treffen. Ist man gezwungen, den Hafen zu ver-
lassen, so thut man am besten, die Kette zu schlippen und sofort nach See zu
gehen, denn es ist gemeinhin unmöglich, den Anker zu lichten, ohne dafs das
Schiff Havarie erleidet; aufserdem hat man das Risiko, dafs der Anker noch an
einer der vielen Ketten oder Anker, welche daselbst liegen, festhakt.
Nachdem die „Enterprise“ am 19. Dezember v. J. den Hafen verlassen
hatte, dampfte sie mit nur so viel Geschwindigkeit, als zum Steuern erforderlich
war, nach NNW, weil sie bei früheren Gelegenheiten daselbst einen östlichen
Strom angetroffen hatte. Nach einer Beobachtung am 20. Dezember Morgens
stellte es sich aber heraus, dafs die besagte Strömung vom Norder aufgehoben
war. Es wurde auch weder Treibholz noch Seetang, welches von dem Norder
steis mit sich geführt wird, bemerkt. Am Abend desselben Tages hatte die
Stärke des Sturmes etwas abgenommen, und es konnte gegen 10* p. m. der Stand
des Schiffes nach einer Peilung des Leuchtfeuers von Aspinwall bestimmt werden.
Das Schiff lag wie bisher noch immer nach NNW, und am nächsten Tage ergab
sich aus einer Beobachtung eine Versetzung von 16 Sm nach NO in 9 Stunden.
In der Regel ist während eines Norders sehr unsichtiges Wetter mit
häufigen Regenböen, aber zeitweise so weit aufklarend, dafs man das hohe Land
hinter dem Kap Manzanilla erkennen kann, so lange man nicht weiter als 30 Sm
von der Küste entfernt ist; bei klarer Luft ist das Land viel weiter sichtbar,
Mit Rücksicht auf den Küstenstrom bemerkt der Führer des Postdampfers
„Newport“, welcher die Reise von New-York nach Aspinwall bereits 90 Mal
yemacht hat, dafs er Sucio, auf der Höhe von Kap Manzanilla liegend, stets
in rw. S16° W (mw. SzW) bis rw. 819° W (mw. SzW'/A4W), selbst während
der Regenzeit, als keine Beobachtungen zu machen waren, brachte. Wegen des
an dieser Küste nach Osten setzenden Stromes hat er sich die Regel gemacht,
seinen Kurs zu ändern, sobald er treibende Stämme, Bäume oder Holz in Sicht
bekommt. Bei einer Fahrgeschwindigkeit von ca 12 Kn rechnet derselbe für das
Versetzen durch den Strom !/2 bis */4 Strich je nach der Menge des Treibholzes,
welches angetroffen wird. Ist die Menge desselben sehr bedeutend, so rechnet
er zuweilen auch sogar 1!/a Striche. Bemerkt er kein Treibholz, so behält er
seinen Kurs bei, indem er annimmt, daß z. Z. kein Strom vorhanden ist.