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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 19 (1891)

Ann. d. Hydr. ete., XIX. Jahrg. (1891), Heft VIII. 
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Scylla und Charybdis. 
(Die Strömungserscheinungen in der Strafse von Messina.) 
Bericht des Königl. Wasserbau-Inspektors Keller in Rom.1) 
1. Vorbemerkungen. 
Ebbe und Fluth sind nur an wenigen Stellen des Mittelländischen Meeres 
von auffälliger Gröfse. Den Seeleuten der alten Welt waren sie so wenig ver- 
traut, dafs die geheimniflsvollen Erscheinungen des Tidewechsels, wo sie ihnen 
entgegentraten, Furcht erregten und abergläubische Erklärungen wachriefen. 
Durch die Schilderung Homer’s und seiner Nachfolger am meisten bekannt ist 
die Fabel von Scylla und Charybdis, jenen Seeungeheuern, welche die Durchfahrt 
der sicilianischen Meerenge bedräuen und unerbittlich den Schiffen ihre Opfer 
entreifsen. 
Diese Schreckgestalten galten den ältesten Schriftstellern als eine Ver- 
körperung der Gefahren der gesammten Meerenge. Erst später suchte man für 
sie bestimmte Oertlichkeiten. Als Sitz der Scylla nahm man den: steil aus der 
Meeresbrandung aufragenden Gneifsfels an, den heute das Städtchen Scilla krönt. 
Der Name Charybdis wurde auf die Strudel am Hafen von Messina bezogen, ob- 
gleich diese Stelle sich ziemlich weit entfernt vom Scyllafelsen befindet. Von 
ihnen geht auch die Sage, daß unter Kaiser Friedrich dort der catanesische 
Fischer Cola Pesce einen goldenen Becher aus unergründlicher Tiefe geholt 
habe, beim erneuten Versuch aber nicht wiedergekehrt sel. 
Unwillkürlich verbindet sich mit diesen klassischen Orten in Erinnerung 
der „Odyssee“ und des „Taucher“ ein leichtes Gefühl des Grauens, das beim 
Besuch der malerisch schönen, aber dem Anscheine nach harmlosen Küsten der 
Meerenge einer gewissen Enttäuschung Platz macht. Und dennoch ist die Strafse 
von Messina auch für unsere modernen Fahrzeuge, wenigstens für kleinere Segel- 
boote, keineswegs ungefährlich, wenn ihre Leitung nicht kundigen Händen an- 
vertraut ist. 
Für die ungedeckten Schiffe der mit solchen Strömungserscheinungen un- 
bekannten alten Griechen mag die Gefahr in der That gröfser gewesen und durch 
den Hang zum Fabuliren noch weit vergröfsert worden sein. Dafs die natür- 
lichen Verhältnisse, wie manche vermuthen, infolge der unablässigen Arbeit des 
Meeres oder vulkanischer Einwirkungen seit dem Alterthum sich wesentlich 
yeändert hätten, erscheint dagegen wenig wahrscheinlich. 
2. Fluthkurven und Windverhältnisse. ; 
Aus den Fluthkurven, welche der selbstschreibende Fluthmesser im Hafen 
von Messina aufgezeichnet, geht unzweifelhaft hervor, dafs die Strömungen der 
Meerenge in erster Linie von Ebbe und Fluth, in zweiter Linie aber auch gleich- 
zeitig vom Winde abhängen. Letzteres geschieht in doppelter Weise: 
1. als unmittelbare Beschleunigung oder Verzögerung durch den augen- 
blicklich herrschenden örtlichen Wind, 
1) Durch das Königlich preufsische Ministerium der öffentlichen Arbeiten dem Reichs-Marine- 
Amt zugegangen.
	        
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