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Eisverhältnisse der Danziger Bucht sowie der unteren Weichsel ete,
Eisverhältnisse der Danziger Bucht sowie der unteren Weichsel
zwischen der Schleuse bei Neufähr und der Mündung
bei Neufahrwasser.
Von A. Lothes, Vorsteher der Haupt-Agentur der Seewarte in Neufahrwasser.
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte.)
Bestimmte Zeitpunkte für das Auftreten respektive Verschwinden von His-
bildungen, welche der Schiffahrt hinderlich sind, lassen sich nach Lage der Sache
nicht angeben, da hier die schwankenden Witterungsverhältnisse sowie die
herrschenden Windrichtungen die mafsgebenden Faktoren zur Eisbildung respektive
zum Aufstauen und Abtreiben des Eises auf der Rhede sowie vor der Hafen-
mündung abgeben.
Infolge des Dünendurchbruchs der Weichsel bei Neufähr und Abschliefsung
des alten, westlich gehenden Stromlaufes daselbst durch eine Schleuse, ist dieser
untere Lauf des Stromes ein todter Arm geworden, und wird deshalb auch all-
gemein „die todte Weichsel“ genannt. Der Seeschiffahrt von Danzig ist durch
jenes Naturereignifs und Einrichtung der Schleuse der grofse Vortheil geworden,
dafs dieselbe von den oft verheerenden Eisgängen des ganzen Stromlaufes ver-
schont, dennoch aber mit dem oberen Strom verbunden bleibt. Durch die bei
Danzig in den todten Arm mündenden kleinen Flüsse Mottlau und Radaune ist
der Strom fast immer schwach auslaufend, nur bei starken Winden aus nördlicher
Richtung einlaufend, daher das Wasser in der Regel süfs, nur an der Mündung
im Hafenkanal und Hafenbassin etwas brackig; es sind deshalb in diesem Theil
der Weichsel die besten Bedingungen zur Eisbildung gegeben. In der Bucht und
auf der Rhede treten die Eisbildungen durch größeren Salzgehalt des Wassers
und durch die sich fast immer in Bewegung befindende Oberfläche viel später
ein, und das Eis wird auch dann durch westliche und südliche Winde, welche
während der in Betracht kommenden Monate die vorherrschenden sind, leicht
abgetrieben. Nur bei anhaltend starkem Frost und gleichzeitig andauernden
nördlichen und östlichen Winden (von NNW durch Nord und Ost bis SE) ist die
Möglichkeit der Blockade der Hafeneinfahrt und der Rhede durch Eis vorhanden.
Soweit es sich aus den älteren Tagebüchern des hiesigen Lootsenkommandos
und den neueren Beobachtungen der Hauptagentur der Seewarte hat feststellen
lassen, sind es besonders die Jahre 1841, 1853, 1871, 1883, 1888 und 1889 ge-
wesen, in welchen die Rhede und Hafeneinfahrt, jedoch immer auf kurze Zeit
(etwa 8 bis 10 Tage), derartig mit Eis besetzt waren, dafs Schiffe überhaupt
nicht oder nur unter Gefahr, sich Beschädigungen zuzuziehen, den Hafen erreichen
konnten. Im Jahre 1841 am 1. März safsen zum Beispiel die beiden Segelschiffe
„Prosperite“ und „Ajax“ ungefähr auf halbem Wasser (ca 6 Sm vom Hafen von
Neufahrwasser) in der Bucht im Eise fest und konnten dieselben per Schlitten
von hier aus verproviantirt werden. Der spätere Lootsenkommandeur J. Claafsen,
welcher seiner Zeit bereitwilligst die Bücher und Akten des Lootsenkommandos
zur Ermittelung der Eisverhältnisse zur Verfügung stellte, war damals Führer
der Bark „Ajax“; derselbe gab die Dicke des Eises auf 15 bis 20 Fufs an. Am
11. desselben Monats berichtet dann das Tagebuch das Einsetzen von südwest-
lichen Winden und das Abtreiben des größten Theiles des Eises von der Rhede.
Im Jahre 1888 am 13. März gerieth der Königliche Lootsendampfer „Dove“ bei
dem Versuch, ein Fischerfahrzeug in den Hafen zu holen, im Eise fest und
konnte erst am 24., ebenfalls nach Einsetzen von westlichen Winden, durch
Hülfe mehrerer Hafendampfer aus seiner unfreiwilligen Gefangenschaft befreit
werden. Die Stärke des zusammengeschobenen Eises betrug ca 1'/ bis 2 m. Der
„Dove“, welcher während genannter Zeit in der Höhe von GHettkau im Eise
festsafs, konnte über Eis mit Kohlen und Proviant versehen werden, ebenso das
Fischerfahrzeug.