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Die Stürme an der deutschen Küste zu Anfang Oktober 1890.
Ueber Nacht war danach das Barometer auf der Vorderseite des Minimums
um ca 3 mm gefallen, während die weiteren Aenderungen des Luftdruckes bis
zur Nachmittagsbeobachtung hier, wie auf der Südseite, ganz geringfügige waren
und eine wesentliche Vertiefung des Minimums nicht erwarten lielßsen, so daß
unter diesem Gesichtspunkt wohl eine Ausbreitung der stürmischen Witterung
nach der Ostseeküste, für die Küste der Nordsee aber ein Nachlassen der stür-
mischen Winde wahrscheinlich schien; die spätere Gewalt der Erscheinung wurde
auch weniger durch eine Vertiefung des Minimums, als durch das überaus mächtige
Nachdrängen des hohen Druckes hervorgerufen, welches die Kärtchen sofort
erkennen lassen und welches sich in den vorstehenden Luftdruckänderungen über
England bereits etwas andeutet, da hier das Barometer unverhältnifsmäfsig stark
gestiegen war im Vergleich zu denjenigen Aenderungen, welche die östliche Ver-
schiebung des Minimums allein hervorgerufen haben würde.
Wäre es beliebt, in einem gewissen Gegensatz von Saug- und Druck-
stürmen zu sprechen, je nachdem ein Sturm an unserer Erdoberfläche mehr als
Folge der Bewegung eines Minimums gegen ein Hochdruckgebiet oder eines
Maximums gegen eine Depression erscheint, so würden wir hier das Beispiel
eines ausgesprochenen Drucksturmes vor uns haben.
Im Allgemeinen mul eine Wetterlage wie jene vom 30. September und
L. Oktober als eine sehr gefährliche bezeichnet werden, und seit jener Zeit hat
jüngst wieder ein ganz ähnliches Beispiel aus der Witterungsgeschichte vor-
gelegen, nämlich die Wetterlage vom 11. Februar d. J. und ihre weitere Ent-
wickelung am 12. In diesem Falle verlief die Isobare von 760 mm am Morgen
des 11. etwas nördlicher, längs der Nordküste Irlands ostwärts über Jütland
nach der südlichen Ostsee, ein Minimum unter 735mm lag an der Westküste
des Bottnischen Busens, während ein Minimum im Nordwesten von Schottland
herannahte; über dem Kontinent überstieg der Luftdruck mit Ausnahme der
nördlicheren Theile 770 mm. Auch diesmal liels die Nachmittagskarte (am 11.)
die Gröfse der Gefahr nicht sicher voraussehen, sondern diese trat erst am Abend
hervor, als das Minimum an die Südwestküste Norwegens herangenaht war; am
folgenden Morgen lag das Minimum bereits in einer Tiefe unter 730 mm über
der mittleren Ostsee, von starken Stürmen an der deutschen Ostseeküste be-
gleitet; in seinem Rücken war der Druck stark gestiegen und am folgenden
Morgen verlief die Isobare von 760 mın bereits südostwärts über Skandinavien,
südliche Ostsee und Polen nach dem Innern Russlands, während im Westen
Europas der Luftdruck schon wieder 770mm überstieg, begrenzt durch die
N—5S durch die Nordsee herablaufende gleichnamige Isobare.
Diese Minima bieten charakteristische Beispiele für den von Herrn Prof,
van Bebber als Zugstrafßse II (Aus dem Archiv der Seewarte, Jahrgang V, 1882
und IX, 1886: Typische Witterungserscheinungen) benannten Verlauf einer
Gattung für Europa besonders typischer Bahnen der Minima.')
Auf der Wetterkarte vom Morgen des 1. findet sich über dem Nor-
wegischen Meere noch ein zweites Minimum, welches mit dem über der Nordsee
liegenden gleichzeitig erschienen ist und, wie die folgenden Karten zeigen, sich
ebenfalls östlich verlagert. Das südliche Minimum erscheint somit als ein
etwaiges Theilminimum des nördlicheren, doch entzieht sich uns bei der mangeln-
den Kenntnifs der Luftdruckverhältnisse im hohen Nordwesten die genauere Be-
artheilung des Verhältnisses jener Minima zu einander, wie überhaupt die Auf-
fassung eines Minimums als Theilminimum und somit als Folgewirkung eines
anderen, in vielen Fällen dem subjektiven Urtheil grofsen Spielraum gestattet.
Ob jenes nördlichere Minimum einen wesentlichen Antheil an der Ent-
wickelungsgeschichte seines südlichen Nachbars gehabt hat, vermag die Wissen-
schaft jedenfalls einstweilen nicht zu entscheiden, ebenso wenig wie ein sicheres
Urtheil zu gestatten, welche Bedeutung hierbei derjenigen Temperaturvertheilung
zuzuschreiben ist, welche beim Erscheinen des Minimums statthatte, und welche
hier aus Rücksicht auf die Vollständigkeit der Besprechung und in Ansehung
1) Vgl. Prof. Dr. J. van Bebber: Die Wettervorhersage, Stuttgart 1891 (insbesondere
Figur 43, Seite 88), welches Werk der leicht fafslichen Darstellung und der unübertroffen zahlreich
enthaltenen Wetterkarten halber zum Selbststudium ganz besonders geeignet ist.