360 Die Stürme an der deutschen Küste zu Anfang Oktober 1890.
skandinavien. An Umfang und Höhe zunehmend, wandert dasselbe bis zum 19.
langsam ostwärts, während nordwärts ziehende Minima über dem Ocean im
Westen Grofsbritanniens ihr Depressionsgebiet über die Britischen Inseln er-
strecken. Am 20. naht das intensivste Minimum des Monats der Küste Irlands,
wo in Valentia der Luftdruck von 752,8 mm am Morgen des 19. bis zum folgenden
Morgen auf 735,6 mm gesunken war und bis 6" Abends auf 731,8 mm fiel.
Indessen auch dieses, über Großbritannien von Stürmen begleitete Minimum
brachte der deutschen Küste keine Stürme, sondern prallte scheinbar an dem
über Europa lagernden hohen Luftdruck ab und wanderte bis zum 23. langsam,
unter schneller Abnahme an Tiefe, über Schottland nach dem Norwegischen Meer;
in seinem Gefolge befand sich das oben erwähnte Theilminimum, welches am 22.
und 23., von Südfrankreich kommend, durch die Niederlande nach der Nordsee
schritt und über Skandinavien verschwand.
Während des Vorüberganges jenes intensiven Minimums vollzog sich durch
das starke Steigen des Druckes im Rücken des Minimums eine bedeutende
Aenderung der Wetterlage, indem die Europa beherrschenden Isobaren eine
Drehung um nahe 90° erfuhren; während diese am 20. nahe N—5S verlaufen,
wobei diejenige von 760 mm die Mitte der Nordsee durchschneidet und die west-
liche Depression abgrenzt, verlaufen dieselben am 25. nahe W—E und die über
den Süden Skandinaviens nach Finnland verlaufende Isobare von 760 mm begrenzt
hohen Druck auf ihrer Südseite, welcher vom Ocean her bis nach Centraleuropa,
770 mm übersteigend, hereinragt und in gleicher Höhe im Osten über Russland
lagert.
© Durch starkes Fallen des Barometers über Schottland in der Nacht zum
26. deutete sich abermals das Herannahen eines Minimums vom Ocean an, und
schon in der folgenden Nacht überschritt dasselbe Mittelskandinavien und den
Bottnischen Busen. Am folgenden Morgen (27.) finden wir dasselbe in einer
Tiefe unter 740 mm über Finnland und im Ganzen eine Wetterlage, welche
mit derjenigen vom 11. September eine gewisse Aehnlichkeit besitzt, indessen
stärkere Luftdruckgegensätze zwischen der Depression im Norden und dem
hohen Druck im Süden des KErdtheils. An den Signalstellen der Seewarte
wurden am 27. von Darsserort bis Memel, mit Ausnahme der weniger exponirten
Stationen Stralsund, Ahlılbeck, Swinemünde und Neufahrwasser, vielfach während
des ganzen Tages und zum Theil noch während der folgenden Nacht, stürmische
Winde von der Stärke 8 und 9, seltener 10 der Beaufort-Skala beobachtet,
Kaum hat dieses Minimum seinen Einflufs auf die Witterung Kuropas
durch östliche Verlagerung verloren, da schreitet am 28. ein zweites Minimum
in etwas weiter nördlich gelegener Bahn über Nordskandinavien nach Finnland,
and schon am Abend des 29. naht ein weiteres Minimum von Westen her der
mittleren skandinavischen Küste, ein letzter Vorläufer des mit überaus schweren
Stürmen auftretenden nachfolgenden Sturmcentrums.
Wie die stündlichen Barometer-Registrirungen auf den Normal-Beobachtungs-
stationen der Seewarte, welche für die Zeit vom Mittag des 1. bis Mitternacht
des 3. Oktober nebst den Registrirungen der Anemometer in Tabelle I wieder-
gegeben sind, zeigen, war das Barometer an allen Normal-Beobachtungsstationen
der Seewarte, aufser in Neufahrwasser und Memel, am 29. seit Mitternacht
in Jangsamem Fallen begriffen, welches bis zum Morgen des 30. anhielt; dann
folgte ein kurzes Steigen und bei dem Herannahen des folgenden Minimums bald
wieder ein Fallen, auf den westlichen Stationen bereits gegen Mittag, in Wustrow
zegen 5 Uhr Nachmittags am 30., in Swinemünde, Neufahrwasser und Memel
gegen Mitternacht; hervorzuheben sind für diese Zeit auffallende sekundäre
Öscillationen des Luftdruckes in Neufahrwasser und Memel, welche mit der
Tagesperiode des Luftdruckes mehrere Züge gemeinsam hatten.
Die beigefügten Kärtchen zeigen uns jenes Minimum am Morgen des 30.
über Mittelskandinavien und seine weitere Wanderung über Finnland nach dem
Innern Russlands. Der am 30. hervortretende west-östliche Verlauf der Isobaren
über dem Norden des Kontinents, in Verbindung mit der Depression im Nord-
osten und hohem Druck über dem Süden Europas charakterisirt diese Wetterlage
als eine für unsere Küsten besonders gefährliche, da bei dieser Wetterlage weitere
von Westen kommende Minima auf ihrer Wanderung längs der Nordseite des
hohen Druckes häufig mit schweren Stürmen auftreten.