Ann. d. Hydr. ete., XIX. Jahrg. (1891), Heft VII
JB
Die Stürme.an der deutschen Küste zu Anfang -:Oktober 1890
nebst einem UVeberblick über die Wetterlage im September.
Von Dr. Grofsmann in Hamburg. ;
Aufserordentlich ‚ruhiges Wetter hatte über Europa im September 1890
bis gegen Ende des Monats geherrscht. Abgesehen von einer flachen Theil-
depression, die am 22, den Westen des Festlandes nordwärts durchschritt, und
eines in den ersten Tagen Oesterreich-Ungarn nordostwärts durchquerenden
Minimums, betrat kein Minimum den Kontinent, und die wenigen im Westen
über dem Ocean, im Norden über Nordskandinavien und im Nordosten über
Finnland südostwärts ziehenden Minima schritten vorüber, ohne zu stürmischen
Winden.an den deutschen Küsten Anlafßs zu geben, ausgenommen allein am 12.
des Monats. Der September bot für Centraleuropa das Bild steter Verlagerungen,
Neu- und Umbildungen von Gebieten hohen Druckes, unter dem Andrang‘ von
zunächst im Westen erscheinenden, dann nordostwärts dringenden und bald darauf
scheinbar längs der Ostseite des Maximums von Norden her gen Südosten herab-
gleitenden Minima .—- scheinbar, weil ein genauerer Verfolg der Wetterkarten
vielfach ergiebt, dafs diese letzteren Minima als neu entstandene ‘ Luftwirbel auf-
zufassen sind. .
Für den mit der Ausübung der praktischen Witterungskunde betrauten
Meteorologen bot jene Zeit im Allgemeinen nichts Besonderes, Das charakte-
ristische Fernbleiben tieferer Minima, verbunden mit der geringen Neigung zur
Bildung von Theildepressionen auf den dem Maximum zugekehrten Seiten der
vorüberziehenden Minima, liefert in diesem Falle wieder einen Beitrag zu der so
häufig hervortretenden Erhaltungstendenz der Witterung.: - 5
Ueberblicken wir in kurzen Zügen die Wandlungen der Wetterlage im
September, so finden wir zunächst bis.zum 8, ‚ein Vordrängen und Ausbreiten
hohen Luftdruckes von Südwesten her, während eine am 1. September ‘nord-
westlich von Grofsbritannien lagernde Depression nach Norden und eine vom
östlichen Mittelmeer über Ungarn nach Russland sich erstreckende Depression
nach Osten gedrängt werden, und späterhin am 6. und 7. eine im Norden gelegene
Depression über Nordskandinavien südostwärts näch Finnland längs der Ostseite
des entwickelten Maximums herabgleitet. ;
Am Morgen des 8. erstreckt sich ein 770 mm .übersteigendes Maximum
von der Irischen See und der Nordsee bis nach dem Herzen des Kontinents,
während die Isobare von 760mm von der finnischen Westküste südwärts nach
der Balkanhalbinsel. verläuft und die im Osten gelegene Depression abgrenzt.
Doch bereits ist das Barometer über Grofsbritannien wieder im: Fallen und als-
bald durchschritten am 10. bis 12. zwei Minima den Norden Europas, das zuerst
über Grofsbritannien angedeutete über Mittelskandinavien und Finnland nach dem
Süden des Weifsen Meeres, : das zweite in südöstlicher Richtung ‚vom Skandina-
vischen. Meer über die mittlere Ostsee und den Rigaschen Busen nach Russland.
Am Morgen des 11. finden wir über:ganz Nordeuropa ein Depressionsgebiet,
begrenzt durch die, vom Norden Schottlands durch die Helgoländer Bucht und
Mecklenburg nach Polen verlaufende Isobare von 760 nm. : Doch der Luftdruck
steigt rasch im Nordwesten, und schon am folgenden Tage rückt jene wieder
NNW—SSE gerichtete Isobare stark gegen die im Osten zurückweichende De-
pression vor; die hierbei erzeugten starken Gradienten veranlafsten am‘ 12,
stürmische Winde aus nördlichen Richtungen an der deutschen Ostseeküste von
Warnemünde bis Stolpmünde. ;
Bereits. am Morgen des 14. erstreckt sich wieder ein 765 mm übersteigendes
Maximum von der Irischen See bis nach Ungarn und vom Mittelmeer ‘bis Mittel-