Wind und Wetter in der Adria.
3. Antieyklonale Winde.
AT)
a) Bora.
Die mit diesem Namen umfafsten Winde von Nordnordost bis Ost haben
in der Adria alle Kennzeichen der Luftströmungen, wie solche von einem Luft-
druckmaximum ausgehen. Sie sind kalt, trocken, breiten sich in der Richtung
des Windes direkt aus und bedürfen eines bedeutenden Gradienten, um die
Sturmesgeschwindigkeit zu erlangen. Sie verlieren mit der Distanz ihre Kraft
und verhalten sich in diesem Punkte und auch betreffs.-des Weiterschreitens
gerade verkehrt zum Scirocco.
Von den mitunter sehr hohen und steilen Bergen des Nordost- und Ost-
yeländes des Meeresbeckens stürzt dieser Wind herab und äufsert sich demgemäfs
mitunter mit orkanartiger Heftigkeit in plötzlich anrückenden Böen. Besonders
im nördlichen Theile der Adria, wo das Küstenterrain Sättel und Langthäler
aufweist, welche mit der Windrichtung übereinstimmen, entwickelt sich die Bora
zeitweise zu aufsergewöhnlicher Gewalt.') Unweit dieser Ausbruchstellen der
Bora giebt es oft in deren Nähe .mehr oder weniger geschützte Küstenstriche,
wo der Wind bedeutend ermäfsigt auftritt. So äufsert sich längs der ganzen
Westküste Istriens die Bora nur in mäfßsiger Weise. Auch in Lee mancher
Inseln Dalmatiens finden die Küstenfahrer relativ schwache Briesen, während
sonst überall die Bora mit großer Heftigkeit weht.
Bis gegen die Mitte der Adria zu ist dieser Wind, sobald er Sturmes-
stärke erreicht, oft mit kurzgewelltem, verhältnifsmäfsig geringem Seegange,
welcher von weißer Gischt gepeitscht erscheint, verbunden. Weiter westlich
von der dalmatinischen Küste läfst gewöhnlich die Stärke des Windes nach und
an der italienischen Küste geht infolge der Ablenkung durch den Apeunin —
da, wo derselbe näher am Meere liegt — die Bora häufig in Nord-, Nordnurdwest-
und auch Nordwestwind über. Dafür wird im Westen die See aus Nordust mit-
unter recht bedeutend fühlbar,
— Weiter nördlich an der venetianischen. Küste wird diese Ablenkung der
Bora nach Nordwest nicht wahrgenommen.
In der Nacht hört ınan bei leichter Briese oder Windstille das Tosen der
äußerst schnell herannahenden Böen, und Segelschiffe müssen daher, besonders in
den gefährlicheren Theilen des Boragebietes, im Winter äufserst vorsichtig sein.
Bei sehr starkem Falle des Barometers (8 bis 10 mm in wenigen Stunden)
und bei trockener kalter Luft ist im Winter ein Borasturm sicher zu gewärtigen.
Die richtige Beurtheilung der Stärke des Windes sowie der Zeit seines
Hervorbrechens gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die dem Seemann betreffs
der Windverhältnisse der Adria gestellt werden. Er hat bei diesem Winde im
Auge zu behalten, dafs derselbe als anticyklonal lange andauert, am selben
Orte seine Richtung wenig, wohl aber seine Stärke ändert.
In vielen Jahren (im Volksmunde als Borajahre bezeichneten), wo durch
viele Wochen hindurch ein Maximum in Europa lagert — ja nach Russland
kommend, daselbst wieder rückläufig wird —, hat die Adri@ beinahe den ganzen
Winter mit geringen Unterbrechungen Bora und dementsprechend auch viele
Borastürme.?) Der Barometerstand bei leichter Bora, dem sogenannten Borin, ist
gewöhnlich sehr hoch, bei Stürmen ist dagegen der Stand ein sehr verschiedener,
steht jedoch zumeist über dem normalen. Infolge des hohen Barometerstandes
steht das Meeresniveau bei diesem Winde, besonders bei längerer Dauer des-
selben, sehr tief, Leichte Bora gehört zu den angenehmsten und erfrischendsten
Wetterarten. . .
Die Seeleute der Küste erkennen das Herankommen einer frischen Bora
in erster Linie an den die Kuppe gewisser Wetterberge umhüllenden Wolken-
schichten.?)
1) Diese Böenstürme sind es, die die Navigation in der Adria speciell Ausländern gefürchtet
machen. Der Golf von Triest, der Quarnero, Zengg, Sebenico und Ragusa (Gravosa) leiden hierdurch
am meisten.
% Viele Winter der letzten 30 Jahre hatten einen derartigen Charakter — so besonders
jene der Jahre: 1863, 1865, 1870, 1875, 1879, 1880 und speciell 1890.
3) Zu den Bergen, welche diesbezüglich besonders ins Auge gefafst werden, gehören: für
den Golf von Triest der Nanos bei Adelsberg in Krain, für die Westküste Istriens der Monte