242 Die Verwerthung von Sternbedeckungen für die Chronometerkontrole auf See,
ınd daber viel genauere Resultate erwarten lassen; andererseits aber bietet sich
die Gelegenheit zu ihrer Anwendung auf See viel seltener als bei Monddistanzen,
and in diesem Umstande ist auch der Grund zu suchen, dafs diese Methode nicht
zur allgemeinen Annahme hat kommen können. Um daher zu einem Urtheil
über den praktischen Werth der Sternbedeckungen für den Seemann zu gelangen,
ist eine Untersuchung darüber nöthig, ob die Vortheile, welche sie gewähren,
im Verhältnifs stehen zu dem mit ihnen verbundenen Nachtheile, d. h. ob die
Seltenheit ihrer Anwendung ausgeglichen wird durch die gröfßsere Genauigkeit
ihrer Resultate.
Was nun zunächst die Ermittelung des Mafses dieser Genauigkeit an-
betrifft, so ist hierfür eine Reihe von auf Sternwarten beobachteten Stern-
bedeckungen benutzt worden, welche theils in den „Astronomischen Nachrichten“
veröffentlicht, theils mir von Herrn Tatlock in New York freundlich zur Ver-
fügung gestellt sind. Diese Beobachtungen habe ich unter Zugrundelegung der
im nautischen Jahrbuche seit 1886 angegebenen Methode reducirt und die Ab-
weichungen der Resultate gegen die anderweitig bekannten mittleren Greenwicher
Zeiten in die folgende Zusammenstellung eingetragen. Um aber yon vorn herein
dem Einwande zu begegnen, dafs das Verständnifs jener im Wesentlichen mit der
Besselschen Methode übereinstimmenden Lösungsart zu grofse mathematische Vor-
kenntnisse zur Voraussetzung hat, um Allgemeingut der Seeleute zu werden, habe
ich die Berechnungen zweitens nach einer anderen, der räumlichen Anschauung
leichter zugänglichen Methode durchgeführt, welche zuerst von de Baills im
35. Bande der „Comptes rendues“ veröffentlicht worden ist. Die hiernach sich
ergebenden Fehler sind ebenfalls mit ihren Vorzeichen angegeben in der Weise,
dafs das positive Vorzeichen einer zu kleinen, das negative einer zu großen
Greenwicher Zeit entspricht. Da aber bei der Beobachtung auf See während
der Nachtzeit die für die Rechnung nöthigen Argumente Breite und Stunden-
winkel des Sternes nicht mit der Genauigkeit wie an festen Sternwarten
bekannt sind, so sind alle Beobachtungen noch einmal mit einer um 10’ falschen
Breite und endlich mit einem um 1” falschen Stundenwinkel reducirt worden
and der dem entsprechende Einfluß von einem Fehler in Breite von 1‘ und im
Stundenwinkel von 6° in den letzten Spalten beigefügt worden. Diese Beträge
dürften in der Praxis nur sehr selten überschritten werden, wenn man Breite
und Ortszeit sowohl vor als nach der Sternbedeckung durch Höhen hellerer
Sterne über entgegengesetzten Theilen des Horizontes möglichst genau zu be-
stimmen sucht und dadurch die Fehler der Besteckrechnung durch Interpolation
nach Mafsgabe der Zwischenzeiten auf ein sehr geringes Mafs reducirt. Die
vier ersten Spalten sind an sich verständlich; die fünfte giebt an, ob der Eintritt
(E) oder Austritt (A), sowie ob am dunkelen (d. R.) oder hellen Rande (A. R.)
des Mondes beobachtet worden ist.
Bei den angegebenen Fehlern der ermittelten Greenwicher Zeiten fällt
sofort die überwiegend große Anzahl der negativen Vorzeichen, besonders bei
den Beobachtungen von Januar 1886 bis März 1887 auf. Bevor wir nun aus
diesen Zahlen Schlüsse auf den wahrscheinlichen Fehler machen, mit dem die
aus der Beobachtung von Sternbedeckungen folgenden Zeiten des ersten Meridians
behaftet sind, wollen wir im Vorbeigehen der Frage nach diesem Vorherrschen
des negativen Vorzeichens etwas näher treten. Von den drei Fehlerquellen, mit
welchen wir es bei dem vorliegenden Problem zu thun haben, nämlich erstens
der falschen Auffassung des Verschwindens resp. des Wiedererscheinens des Sternes
am Mondrande, zweitens der Ungenauigkeit des angewandten Lösungsverfahrens
and endlich den Fehlern der Mondpositionen, wie sie im Nautical Almanac vor-
ausberechnet sind, ist offenbar die erste hier zunächst auflser Acht zu lassen,
weil die vorliegenden Beobachtungen alle an festen Sternwarten mit gröfseren
[nstrumenten von geübteren Beobachtern angestellt worden sind; von der zweiten
Jäfst sich auch nicht ersehen, warum sie fast immer nach derselben Seite hin
wirken sollte, und es bleibt somit als die wahrscheinlichste Erklärung dafür, dafs
die abgeleitete Greenwicher Zeit in fast allen Fällen zu grofs ausgefallen ist,
die Annahme von Fehlern in den zu Grunde gelegten Rektascensionen und
Deklinationen des Mondes übrig. Die Direktion der Königlichen Sternwarte zu
Greenwich hatte die grofse Freundlichkeit, mir auf meine Bitte für 1886, 1887
und 1888 die Mondkorrektionen der Tafelwerthe des Nautical Almanac nach den