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Aus dem Reiseberichte der deutschen Bark „J. F. Pust“
Einkommende Schiffe, welche die Lootsenflagge zeigen, erhalten recht-
zeitig einen Lootsen, der sie nach dem Ankerplatze bringt. Für diese Dienst-
leistung beträgt das Lootsengeld nach einer festen Taxe 6 Cents pro Registertonne.
Die in Monte Christi Blauholz ladenden Schiffe liegen im Westen der
Stadt, nahe der Mündung des Flusses Santiago, oder, wie er hier genannt wird,
Salt-River, aus dem die meiste zu verschiffende Ladung herauskommt. Schiffe,
deren Führer mit den hiesigen Verhältnissen nicht bekannt sind, segeln gewöhn-
lich direkt bis zu diesem Ladeplatz, um dort zu ankern. Obgleich die Schiffe
hier wenig weiter von der Mole entfernt liegen, als auf dem erstgenannten
Ankerplatze, kommt der Besuch der Quarantänebehörde hier nicht an Bord. Die
Schiffe sind daher gezwungen, ihren Anker wieder zu lichten und zum Ein-
klariren nach dem etwas weiter aufwärts belegenen inneren Ankerplatz zu ver-
segeln, wobei die meisten Schiffsführer eines Lootsen bedürfen. Der Hauptgrund
dieser Verordnung scheint auch nur der zu sein, dem Lootsen einen Verdienst
zuzuwenden. Das Fahrwasser ist wohl auch deshalb nicht durch Bojen oder
andere Seezeichen bezeichnet.
Die deutschen Schiffe haben hier infolge einer seitens der Republik
St. Domingo in Deutschland aufgenommenen Anleihe insofern einen Vorzug vor
den Schiffen anderer Nationen, als ihr deutscher Mefsbrief jetzt anerkannt wird.
Die skandinavischen Kollegen hatten sich in Betreff der Schiffsvermessung noch
in der herkömmlichen Weise mit den hiesigen Behörden abzufinden. Die Messung
seitens der Zoll- und Hafenbehörden geschieht nur der Form nach, und das
zchnell gefundene Resultat ist meistens 100 bis 150 Tonnen gröfser, als der
wirkliche Raumgehalt des Schiffes. Es wird dem Kapitän dann erklärlich ge-
macht, dafs die Hälfte des hierdurch hervorgerufenen Mehrtonnengeldes den
Beamten als eine Gratifikation zu zahlen ist, worauf die wirkliche, dem Original-
Mefsbriefe des Schiffes entnommene Gröfse in dem auszufertigenden Dokumente
verzeichnet wird.
Die dem Kapitän bei der Einklarirung eingehändigte Hafenverordnung
besagt unter Anderem, dafs das Schiff seinen Ankerplatz nicht ohne eine vorher-
gegangene Anmeldung beim Hafenmeister verlassen darf. Derselbe bezeichnet
auch den Platz, wo der Ballast über Bord geworfen werden darf und schickt
auf Wunsch einen Lootsen an Bord, der das Schiff dorthin und später, wenn
verlangt, nach dem Ladeplatze bringt, für welche Dienstleistung ihm 4 Doll. zu
zahlen sind. Das Lootsengeld nach und von Manzanillo-Bai beträgt je 8 Doll.
Bei einer Annahme von Arbeitern und Stauern ist ebenfalls die Vermittelung
des Hafenmeisters in Anspruch zu nehmen.
Das Trinkwasser entnehmen die Schiffe in Monte Christi dem Flusse, aus
welchem auch die Stadt versorgt wird. Wir Iluden in der Manzanillo-Bai und
mufsten daher unser Trinkwasser aus dem Flusse Dajabon, von den Kreolen
Masaco genannt, dem Grenzflufs zwischen St. Domingo und Haiti, holen. Das-
selbe war erst 3 Sm von der Flufsmündung aufwärts frisch, dort aber sonst auch
schön. Unser Ankerplatz in der Bai von Manzanillo bei Erters Balsa, woselbst
auch Columbus einmal gelandet sein soll, befand sich 1 Sm nördlich der Mün-
dung des Dajabon oder Masaco ziemlich nahe der Küste, neben den Mündungen
zweier anderer Flufsläufe. In einer Ausdehnung von nur einer Kabellänge finden
sich auf diesem Ankerplatze Wassertiefen von 5,5 bis 46m (3 bis 25 Faden).
Die Flüsse Tapion und Yaqui, welche ebenfalls in mehreren Armen in die Bai
von Manzanillo einmünden, enthielten zu unserer Zeit nur salziges Wasser, Vor
allen diesen Flußmündungen liegen seichte Barren, welche selbst für die flach-
gehenden Leichter nur bei Hochwasser passirbar sind. Der Gezeitenhub beträgt
0,6 bis 1,2m (2 bis 4 Fuß). Das Hochwasser, welches übrigens stark vom
Winde beeinflulst wird, tritt zur Zeit des Neu- und Vollmondes um 7 Uhr ein;
unweit der Inseln Sieben Brüder setzt die Fluth nach SW und die Ebbe
nach NO.
Das in der Bai von Meanzanillo zur Verladung gelangende Blauholz ist
sehr schlecht bearbeitet, so dafs 5 bis 6 Mann einen ganzen Tag mit Sägen und
Aexten daran beschäftigt sein müssen, um von demselben 20 bis 30 Tonnen
staurecht zu bekommen, wobei eine Bestimmung der Charterpartie, nach welcher
das Holz nicht kürzer als in Längen von 3 Fuls geschnitten werden darf, sehr
hinderlich ist. Wir konnten daber in dem Raum unseres Schiffes, welches