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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 19 (1891)

Das Klima Helgolands, 
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nur eine geringere jährliche Temperaturschwankung wie das Binnenland, sondern 
auch wie die gesammte, schon an sich durch gemäfßsigten Temperaturverlauf vor 
dem übrigen Deutschland bevorzugte Nordseeküste, mit einem Worte: Helgoland 
erfreut sich der kleinsten mittleren Jahresschwankung der Tempe- 
ratur in ganz Deutschland. Schon hierdurch wird angedeutet, dafs es nun- 
mehr im deutschen Reiche der berufenste Repräsentant des Seeklimas ist. 
Während ferner sonst überall mit aller Bestimmtheit der Juli der wärmste, der 
Januar der kälteste Monat ist, fällt hier die gröfste Wärmeentwickelung 
auf den August, und als der kälteste Monat wird der Februar zu 
gelten haben. In letzterer Beziehung kam es allerdings fraglich sein, ob 
nicht bei Zugrundelegung zahlreicherer Jahrgänge ') Januar und Februar als 
gleich kalt angesehen werden müssen; immerhin weist auch schon diese Gleich- 
stellung auf eine Verschiebung ‘der Periode gröfster Erkaltung in dem an- 
gegebenen Sinne hin. 
Ehe zur Erklärung dieses abgestumpften und verzögerten Verlaufes der 
Jahreskurve der Temperatur geschritten wird, mag vorerst dieselbe mit denen 
der anderen angeführten Orte und in Deutschland überhaupt ein wenig specieller 
in Beziehung gesetzt werden, Aus der Betrachtung der obigen Abweichungen 
wird man oline Weiteres die Thatsache ablesen, dals die Insel unzweideutig 
und allgemein vom November bis Januar den wärmsten Punkt 
Deutschlands darstellt und dafs dies sogar für das ganze Halbjahr September 
bis Februar gelten würde, wenn man die westlichsten Gebiete, insbesondere das 
mittlere Rheinthal, ausnehmen wollte. Ja selbst die 8 Grad südlicher gelegenen 
klimatischen Kurorte Bozen, Meran, Monireux und auch Lugano bleiben vom 
November bis Januar gegen Helgoland zurück. — Dem warmen Herbst und 
milden Winter aber steht allerdings.auch ein kaltes Frühjahr und 
ein kühler Sommer gegenüber. Am empfindlichsten ist das Zurückbleiben 
der Wärme in den Frühlingsmonaten, wo: das Binnenland im Gegensatz dazu 
sich sehr schnell erwärmt. Vom Januar bis zum Mai beträgt die Wärmezunahme 
nur 8°, an der Nordseeküste dagegen durchschnittlich 10°, in Mitteldeutschland 
etwa 13°, in Masuren endlich 17°, d. i. also doppelt so viel. Die Mitteltemperatur 
des Mai reicht demgemäfs noch nicht an 10° heran, während diese Grenze. überall, 
aufser im Gebirge, und zwar zum "Theil beträchtlich überschritten wird. In ähn- 
licher Weise sind die Juni- und Juli-Temperaturen allgemein denen von Helgoland 
überlegen. Man kann somit wiederum sagen: Im nicht gebirgigen Deutsch- 
land hat Helgoland den kühlsten Sommer. Wer der drückenden Julihitze 
entgehen will, braucht nicht ins Gebirge zu eilen, er findet auch auf unserer 
Insel Kühlung. Im August beginnen sich die Verhältnisse bereits umzukehren, 
da hier die Wärme noch ein wenig zu-, sonst aber allgemein abnimmt. Im 
September endlich, wo es — im Gegensatz zu allen Gebieten Deutschlands — 
wärmer wie im Juni ist, steht Helgoland wieder günstiger da als fast ganz Nord- 
deutschland, das in diesem Monat schon intensiver Abkühlung anheimfällt — es 
wird somit auch aus diesem Grunde begreiflich, warum die Badesaison zu dieser 
Jahreszeit auf der Höhe steht, während aus den Sommerfrischen in den Bergen 
Alles zu flüchten beginnt. 
Es hält nicht schwer, den Hauptgrund zu allen diesen Temperaturunter- 
schieden gegen das gesammte kontinentale Deutschland in den Eigenthümlichkeiten 
des das Eiland allseitig umspülenden Wassers zu finden. Es ist ja bekannt dafs 
das Wasser wegen seiner grofsen specifischen Wärme, wegen Dampfbildung und 
Diathermansie an seiner Oberfläche den Einflüssen der Insolation und Erwärmung 
überhaupt nur langsam Folge geben, dafs es dadurch auch den unteren Luft- 
schichten viel weniger Wärme mittheilen kann, als das in gleicher Weise afficirte 
I) Trotz des nur 15jährigen Zeitraumes sind entsprechend der geringen Veränderlichkeit die 
Mittel der Wintermonate auf -+0,4°, die der Sommer- und Herbstmonate auf -4+-0,2° als sicher an- 
zusehen. — Von einer Reduktion auf eine längere Periode mit Hülfe langjähriger Beobachtungen 
von Nachbarstationen, die sonst den Mitteln eine gröfsere Genauigkeit verleiht und mehr Realität 
sichert, wurde an dieser Stelle Abstand genommen, weil leider von keiner der Stationen, die dabei 
in Frage kommen konnten, so lange homogene Reihen vorliegen, dafs für die einwurfsfreie Er- 
mittelung jener kleinen Korrektionsgröfsen begründete Aussicht vorhanden wäre. Erst von einer 
zusammenfassenden kritischen Bearbeitung der Temperaturverhältnisse etwa des ganzen Nordsee- 
yebietes wird man sich auch für den vorliegenden Fall Erfolg versprechen dürfen.
	        
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