Ann. d. Hydr. ete., XIX. Jahrg. (1891), Heft IV.
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Ueber Grundeisbildung.
Von Kapitän H. Meier,
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte,)
Da in der Literatur im Allgemeinen wenig über Grundeis und Grundeis-
bildung vorhanden ist — „Poggendorf’s Annalen“, „Das Wetter“ und einige
andere Werke enthalten allerdings sehr lehrreiche Beiträge, doch liegen auch
diesen direkte Messungen der Luft- und Wassertemperatur nur selten zu Grunde —
30 entschlofs ich mich letzten Herbst, obwohl ich diese Verhältnisse im All-
gemeinen seit meiner Jugend kenne, durch systematische Beobachtungen einen
Beitrag zur besseren Kenntnis und eventuellen Untersuchung der physikalischen
Vorbedingungen der Grundeisbildung zu liefern.
Durch meine Wohnungsverhältnisse auf der Elbinsel Altenwerder bei
Hamburg bin ich in der denkbar günstigsten Lage, um diese Beobachtungen
machen zu können. Es liegen hier die Verhältnisse eines grofsen Flusses mit
süßem Wasser vor, wo Fluth und Ebbe regelmäfsig wechseln, erstere‘ etwa 5,
letztere etwa 7 Stunden anhaltend.
Es sei hier gestattet, vorweg die hier unter der Schiffer- und namentlich
Fischerbevölkerung allgemein bekannten Thatsachen und Verhältnisse in Bezug
auf Eisbildung zu geben.
Man unterscheidet hier ganz strenge drei Arten von Eisbildung:
i. Das gewöhnliche Oberflächeneis, welches sich bei Frostwetter an der
Oberfläche stehender Gewässer bildet, bei plötzlicher grofser Kälte auch flielsende
Gewässer glatt überbrückt. Dieses Eis ist, wenn keine störenden Ereignisse —
Wind, Schneefall — dazwischen treten, glatt und hart; man nennt es auch
Krystalleis oder Blockeis.
2. Das Schneeeis, welches sich bei Frostwetter und Schneefall bildet,
wenn noch kein anderes Eis vorhanden ist, und zwar ‚so, dafs der Schnee auf
der Oberfläche des Wassers treibend zusammenfriert; es ist dies zuerst eine teig-
artige, allmählich härter werdende Masse, welche erst bei anhaltendem Froste
durch Unterfrieren stark und haltbar wird.
3. Das Grundeis, hier Siggeis genannt; es heifst hier allgemein: es
siggt, statt es bildet sich Grundeis, und gestatte auch ich mir, diesen Ausdruck,
wenn auch nur der Kürze halber, nachstehend beizubehalten. Das Siggeis bildet
sich bei anhaltender Kälte nur in fliefsenden Gewässern, so lange keine feste
Eisdecke vorhanden ist. Unter einer festen Eisdecke siggt es nicht mehr.
Die Elbfischer fischen im Herbst und Winter, bis es siggt, weil sie dann
in der Regel den besten Neunaugen- und Quappenfang haben; sobald es siggt,
treiben die Netze, Fischleinen, sowie sämmtliches Fischereigeräth auf und kommt
an die Oberfläche des Wassers, wobei dasselbe meistens verloren geht; denn in
dem Siggeis, namentlich wenn es stark siggt, kann weder Ruder- noch Segel-
fahrzeug verkehren. Die Fischer nehmen daher, wenn sie glauben, dals es Nachts
siggen wird, schon Tags vorher alle ihre Geräthschaften aus dem Wasser; sogar
die Hamen-Anker im Gewicht von ca‘ 160 bis 170 Pfund Eisen mit Holzstock
siggen vielfach weg, wenn dieselben nicht eingezogen werden.
In der Regel siggt es am stärksten in den frühen Morgenstunden von
5 bis 8 Uhr, und besonders auffällig ist es, wenn um diese Zeit die Fluth kommt,
A. h. die starke Ebbeströmung aufhört und Stauwasser eintritt. In solchen
Fällen kann der bis dahin gänzlich eisfreie Fluls in einer Stunde mit einer fuß-
dicken Schicht Siggeis bedeckt sein, in welcher jeder Verkehr außer mit kräftigen
Dampfschiffen unmöglich ist.