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Literarisches.
theils neuer Erscheinungen ein helles Licht verbreiten, von dieser Bestimmung
der Periodicität unabhängig, so daß sie auch dann ihren Werth behalten würden,
wenn die letztere sich mit der Zeit nicht als zutreffend erweisen sollte. Unter
diesen Verknüpfungen dürfte für die Leser dieser Zeitschrift die interessanteste
die sein, welche den Einflufs der Klimaschwankungen auf den Wasserstand der
Meere — wohlverstanden an den Küsten — behandelt und im 9. Kapitel
sich findet.
„So paradox es im ersten Augenblick Manchem scheinen mag, 80 läfst
es sich doch nicht leugnen, dafs die Klimaschwankungen einen Einfluls auf das
Niveau des Meeres ausüben.“ Der Beweis dafür liegt in den folgenden Lustren-
werthen von Pegelständen:
1826—30
31—35
36—40
1-45
—50
.—55
5—60
.1—65
"5—70
1—75
.5—80
81—85
Swinemünde mm
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Es zeigt sich also um 1850 und 1880 ohne Ausnahme hoher, um 1830
and 1860 herum — in Cherbourg und Brest etwas später, niedriger Wasserstand.
„Aus Allem geht hervor, dafs der Meeresspiegel an den Küsten des Oceans
wie in relativ vom Ocean abgeschlossenen Meerestheilen sich entsprechend den
Klimaschwankungen hebt und senkt.“
„Lorenz hat gezeigt, wie sich der Meeresspiegel bei einer Flußsmündung
in Form eines sehr flachen Schuttkegels einstellt, dessen Spitze genau in die
Flulßsmündung selbst fällt, Die Ursache dieser Erscheinung liegt in dem von
jenem Punkte aus nach allen Richtungen zunehmenden Salzgehalt des Wassers.
Wird nun die Zufuhr süßen Wassers stärker, so wird sich die Spitze des Kegels
höher erheben, andernfalls sich senken.“ Es ergiebt sich also, „dafs sich das
Gefälle des Meeresspiegels von den Einmündungsstellen des Süfswassers weg
entsprechend den Klimaschwankungen in den feuchten Perioden steiler einstellt,
in den trockenen aber flacher. ... In der That sind auch die Schwankungen
zu Havre an der Mündung der Seine sehr viel größer, als in Cherbourg und
Brest fern von Flufsmündungen, nämlich 79, 44 und 33 mm.“
Im Schlufskapitel fafst der Verfasser die Resultate seiner umfassenden
Untersuchungen in folgender Weise zusammen:
„Die Klimaschwankungen bestehen in Schwankungen der Temperatur, des
Luftdrucks und des Regenfalls, die sich auf der ganzen Erde gleichzeitig in
einer 35jährigen Periode vollziehen. Dabei ist die Temperatur dasjenige Element,
von dem alle übrigen mehr oder minder abhängen. Die Schwankungen der
Temperatur konnten wir, an Thermometerbeobachtungen bis 1731 zurückverfolgen,
dagegen an den Daten über die Eisverhältnisse russischer Ströme bis 1700 und
selbst noch weiter zurück. Die Schwankungen der Temperatur sind so gut wie
in allen Ländern der Erde gemeinsam. Nur 11 %, derselben bilden Ausnahmen,
jedoch ohne dafs irgend eine Gesetzmäfsigkeit gefunden werden könnte, während
jedesmal 89 %% aller Gebiete gleichzeitig Kälteperioden und gleichzeitig Wärme-
perioden erleben. Hierin liegt ein Unterschied gegen Luftdruck und Regenfall
vor, deren Schwankungen von Ort zu Ort wechseln.
Die Amplitude der Schwankungen der Temperatur ist im Mittel für die
ganze Erde 0,76° C., vor 1850 sogar rund 1° C., wird jedoch auf einmal von
1850 an viel kleiner. Die Schwankungen sind für Mitteleuropa gleichbedeutend
einem Hin- und Herpendeln der Isothermen um nicht weniger als 300 km oder
3 Breitengrade. Zerlegen wir jede der Schwankungen in eine warme und eine
kalte Hälfte, so differiren deren Mitteltemperaturen immer noch um 0,4° C.