Zwei merkwürdige Nachtgewitter im Sommer 1890.
[19
nicht allein durch die kühnen Formen ihrer traubigen, in steter Umgestaltung
begriffenen Massen, sondern auch durch die zwischen Schneeweifs, Rostroth und
Bleigrau sich abstufenden Färbungen.
Von 6" 55" an war Donner zu hören, was bis 9! p. m. fortdauerte. In
Altenwerder bei Hamburg waren drei oder vier Schläge um 8* 10” so heftig,
dafs sämmtliche Gebäude zitterten. Jeder derselben schlug ein, und zwar in
Moorburg 1 bis 1% km südlich von Altenwerder, in ein Haus, eine Mühle und
drei Telegraphenstangen, jedoch ohne zu zünden, Dabei war die Luft hier und
in Hamburg (Seewarte) am Boden sehr neblig — höchst ungewohnt bei einem
Gewitter, wahrscheinlich nur durch die nordöstliche Richtung und sehr geringe
Stärke des Windes bedingt, welcher die Dunstmassen der Stadt nach dieser
Richtung trieb, ohne sie zu zertheilen. Herr Kapitän Meier erinnert sich nicht
ein heftiges Gewitter mit solchem Nebel auf Altenwerder je beobachtet zu haben,
und in der That mufs es sehr selten sein, dafs bei Gewitter der Wind daselbst
aus Nordosten, also von Hamburg her weht. Man erkennt diese niedrige Nebel-
masse sehr deutlich auf Fig. 3; die Blitze über Ludwig’s Koncerthaus fallen
direkt in die Richtungslinie nach dem östlichen Theil von Moorburg, jener rechts
(auf dem Lichtdrucke links) davon etwa in jene von Altenwerder. Regen begann
auf Altenwerder erst um 8% 12“ und dauerte bis 8%4* p.m. Das Wetterleuchten
dauerte im Osten bis 10 Uhr Abends fort. Um 5% 14” früh erscholl wiederum
Donner; dieses aus W kommende Gewitter zog central über Altenwerder fort,
war der Station am nächsten um 5* 45” und bis 6! Uhr zu hören, Der Regen-
fall dauerte von 5* 30” bis 6%; beide Gewitter zusammen ergaben von 8 p bis
8 a im Regenmesser der Seewarte 5 mm Regenhöhe. Der Wind war anhaltend
leicht aus Nord bis Ost. Auch bei diesem letzten Gewitter war die Luft nebelig
und schlug der Blitz auf den Elbinseln mehrfach ein; zwei Häuser mit weicher
Bedachung brannten ab. .
Dieses zweite Gewitter am frühen Morgen ist offenbar ebenfalls nordost-
wärts gezogen und trat in Ostholstein sehr heftig auf. Um 6'/23 Uhr zündete
ein Blitz in Hobbersdorf im Fürstenthum Lübeck, gegen 8 Uhr einer in Gaarz
bei Oldenburg in Holstein. Auch auf Fehmarn trat das Gewitter mit seltener
Heftigkeit auf (zündender Schlag in Todendorf). Bekanntlich sind Gewitter um
diese Tagesstunden aufserordentlich selten.‘) -
Die räumlichen Druckunterschiede über Europa waren am 18. und 19. August
nur gering und sehr unregelmäßig vertheilt; eine flache Depression lag über dem
Norwegischen Meere, an ihrer Südseite umschlofs eine breite Ausbuchtung der
Isobare 760 Nordfrankreich sowie Nord- und Mitteldeutschland, mit mehreren
sekundären Centren niedersten Druckes darin, Die meisten Gegenden Deutsch-
lands hatten in diesen 24 Stunden ein oder mehrere Gewitter. Im Gegensatz
zu der Intensität der elektrischen Erscheinungen scheinen allgemein die Winde
nur schwach und die Schwankungen des Luftdrucks nur gering gewesen zu sein.
Nur Rügenwaldermünde meldet von 4'2 bis 5%4" p. m. starke Böen mit Hagel,
nachdem von 3 bis 5* Donner zu hören gewesen war, Den. Gang des Baro-
SE in Hamburg habe ich auf dem Diagramm, das im Uebrigen sich auf den
5. Juli bezieht (Deutlichkeit halber um 1 mm erniedrigt), hinzugefügt. Das’ erste
Gewitter ist darauf durch eine flache Senkung, das zweite durch eine spitze, aber
nur 0,6 mm erreichende Hebung der Luftdruckkurve angedeutet, das dritte ist
überhaupt nicht erkennbar darin. Auch die Temperaturkurve bietet nichts Eigen-
thümliches: von 4p. bis 9p. eine allmähliche Senkung um 5°, darauf eine
4) Ueberhaupt war dieser Sommer auffallend reich an Blitzschlägen. Wir wollen hier unter
denjenigen, von denen wir nähere Kenntinifs erhalten haben, nur erwähnen das Gewitter in Lübeck
am 11. Mai und dasjenige in Hamburg am Nachmittag des 29. Juli. Bei dem erstgenannten
Gewitter wurde u. A. ein kleines einstöckiges Haus vom Blitz getroffen, welches am Ufer der
Wakenitz in den Stadtanlagen, umgeben von etwa doppelt so hohen Bäumen steht; der Blitz schlug
durch die Mauer, traf eine mit Plätten beschäftigte Frau, die lautlos todt zusammenbrach, und soll
in Tischhöhe einige Schritt weiter wieder in dieselbe Wand gefahren sein, ein Loch im Putz zurück-
lassend; die übrigen im selben Zimmer befindlichen Personen blieben unversehrt.
Das heftige Gewitter am Nachmittag des 29. Juli brachte dem östlichen Theile Hamburgs
eine Reihe kalter Blitzschläge, von denen einer in eine Baubude an der Oberalten- Allee fuhr und
die darin befindlichen 15 Arbeiter sämmtlich betäubte, jedoch nur vier, und auch die nicht lebens-
gefährlich, verletzte.
Ann. d, Hydr, etec., 1891, Heft IL.