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Die Winde zu Keitum auf Sylt.
die Gröfse der Resultante, und es giebt:
. A
taug f = g
die resultirende Windrichtung. Dabei ist die Zählung von N über E nach S
gedacht.
Den nach diesen Formeln berechneten Gröfsen kommt aber thatsächlich
nur eine sehr geringe Bedeutung zu, und dafs man trotzdem so viel Zeit und
Mühe auf ihre Berechnung verwandt hat, erklärt sich wohl nur dadurch, dafs
man die Mittel lange Zeit für werthvoller gehalten hat, als sie wirklich sind.
Auf einen Uebelstand derselben hat bereits Kämtz 1 ) hingewiesen. Es kann
nämlich leicht der Fall eintreten, dafs sich eine mittlere Windrichtung ergiebt,
aus welcher der Wind garnicht, oder doch nur höchst selten geweht hat. „Aus
diesem Grunde scheint es mir zweckmäfsig“, sagt Kämtz (1. c.), „mit diesem
Verfahren noch das von Schouw (1. c.) befolgte zu verbinden; man vergleicht
die Zahl der entgegengesetzten Winde, uud indem man die Zahl des einen der
selben als Einheit ansieht, siebt man den anderen als ein Vielfaches von ihm
an“. Die NW-, N- uud NE-Winde als nördliche, die NE-, E- und SE- als öst
liche Winde etc. zusammenfassend, giebt er dann das Verhältnifs zwischen den
nördlichen und südlichen und das zwischen den östlichen und westlichen Winden
an. Dieses Verfahren hat indessen eine weitere Verbreitung nicht gefunden
und ist längst aufser Uebung.
Einen weiteren Uebelstand, der sich auf die resultirende Windgeschwindig
keit bezieht, hat Listing 2 ) hervorgehoben. „Für die Lebhaftigkeit der Luft
strömungen giebt diese Gröfse kein geeignetes Mafs. Ein solches würden wir
in der mittleren Geschwindigkeit der beobachteten Winde finden, ohne weitere
Rücksicht ihrer veränderlichen Richtung. Jene Resultante ist die Entfernung,
in welcher wir uns — die Atmosphäre als ruhend, den Beobachtungsplatz als
bewegt gedacht — in einem bestimmten Zeiträume von dem Anfangspunkte der
Bewegung befinden, getheilt durch den Zeitraum selbst. Der im Allgemeinen
krummlinige und nicht selten sehr komplicirte Weg, den bei dieser Betrachtungs
weise die Windfahne im Luftmeere zurücklegt, kann nach einer gegebenen Zeit
auf den Anfangspunkt zurückkehren, und dann läge der Fall vor, dafs die Re
sultante des Windes Null wäre, und man würde sehr irren, wenn man dies für
eine diese Zeit lang stattgehabte Windstille halten wollte. Fragen wir dagegen
nach der Länge des in jener Kurve selbst zurückgelegten Weges, auf welchem
während der wirklichen Bewegung die Geschwindigkeit (so gut es die Beobach
tungsmittel gestatten) bei jeder einzelnen Windbeobachtung aufgezeichnet wird,
so giebt uns die Summe der beobachteten Intensitäten die richtige Antwort,
und diese Summe durch die Anzahl der Beobachtungen dividirt, giebt ein Mafs
für die mittlere Geschwindigkeit während des ganzen Zeitraumes.“ Diesen
Werth, schlägt Listing vor, als Ventilation zu bezeichnen, „um den einiger-
mafsen doppelsinnigen Ausdruck „mittlere Stärke“ zu umgehen“, die nach der
Lambert’schen Regel abgeleiteten Zahlen nennt er im Gegensatz dazu Prävalente.
Diese Unterscheidung ist heute nicht mehr nöthig; denn über die Unzweck-
mäfsigkeü der Lambert’schen Behandlungsweise der Winde besteht unter den
Meteorologen wohl keine Meinungsverschiedenheit mehr, und Hann’s 3 ) Meinung,
„dafs eine Berechnung der resultirenden Windrichtung allein zu
keinen reellen Resultaten führt, ja geradezu zu Mifsverständnissen führen kann“,
wird kaum auf Widerspruch stofsen. Es ist gewifs nicht zu viel, wenn man der
Lambert’schen Betrachtungsweise heute nur noch ein historisches Interesse ein
räumt. Man hat in der Klimatologie vielfach zu viel gerechnet, und in mancher
Beziehung geschieht das auch noch heute; die Klimatologie ist in erster Linie
eine beschreibende Wissenschaft.
Nach den modernen Ansichten hat die Behandlung der Windverhältnisse
eines Ortes die folgenden Punkte zu berücksichtigen.
*) Kämtz, „Lehrbuch der Meteorologie“, Band 1, pag. 166, Halle 1831.
Listing, „Nachrichten von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen“,
1867, Seite 186.
*) Hann, „Annalen der Hydrographie etc.“, 1888, Seite 2113.