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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 18 (1890)

Ueber  das  nautische  Längenproblem.

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Am  Nachmittage  des  4.  Juli  1821  wurde  auf  dem  englischen  Kriegsschiffe
„Royal  George“  in  3°  14'  N-Br  und  25°  54'  W-Lg  von  Greenwich,  während
20  Minuten  unverändert  dieselbe  Distanz  des  Mondes  von  der  Sonne  gemessen.
Hier  sind  die  Beobachtungen:
Zeit  des  Scheinb.  Höhe  Scheinb.  Höhe  Seheinb.  Distanz
Chronometers  d.  Mittelp.  d.  ©  d.  Mittelp.  d.  ([  der  Mitteip.

I  .

.  .  16«

2D

8°

51'

42"

69°

33'

15"

61°

22'

20'

II  .

.  .  18

23

8

22

18

68

52

35

61

22

20

III  .

.  .  19

56

8

1

38

68

22

45

61

22

20

IV  .

.  .  24

1

7

8

18

67

29

45

61

22

20

V  .

.  .  27

43

6

16

58

66

37

25

61

22

20

VI  .

.  .  34

9

4

47

28

65

3

25

61

22

20

VII  .

.  .  36

1

4

22

38

64

36

35

61

22

20

Thermometer  77°  F.,  Barometer  30,03  Zoll  engl.  Stand  des  Chronometers
l m  22,2 S  vor  mittlerer  Greenw.  Zeit.  Die  beobachtete  Distanz  schien  bisweilen
etwas  gröfser,  bisweilen  etwas  kleiner.  Rümker  bemerkt  ferner,  dafs  dieser
Fall  vorzüglich  zwischen  den  Wendekreisen  eintrete,  wenn  der  durch  Sonne  und
Mond  gehende  gröfste  Kreis  dem  Zenith  so  nahe  kommt,  dafs  er  beinahe  ein
Vertikalkreis  wird,  und  dann  die  starke  Veränderung  von  Refraktion  und
Parallaxe  der  Zunahme  der  Distanz  entgegenstehe  oder  sie  auch  überwiegen ­
  könne.
Was  aber  die  Möglichkeit  einer  dennoch  guten  Längenbestimmung  aus
solchen  Stillstandsbeobachtungen  betrifft,  so  würde  dieselbe  natürlich  gleich
hinfällig  werden,  wenn  das  oben  gedachte  Mifsverständnifs  über  Bessel’s
Methode  begründet  wäre,  dafs  dadurch  aus  den  stattfindenden  Veränderungen
der  scheinbaren  Distanz  die  Zeit  in  Greenwich  gefunden  werden  sollte,  während
es  sich  dabei  nur  um  diejenige  Abweichung  von  der  scheinbaren  Distanz  handelt,
welche  aus  der  Veränderung  der  geschätzten  Länge  entsteht.
Zunächst  ist  übrigens  klar,  dafs  die  einzelne  Berechnung  dieser  Beobachtungen ­
  nach  dem  gewöhnlichen  Verfahren  jedesmal,  wegen  der  veränderten
Höhen,  eine  andere  Reduktion  der  scheinbaren  Distanz  auf  die  wahre  geben
würde,  mithin  erhält  man  zu  jeder  angenommenen  Ortszeit  eine  audere  wahre
Distanz,  die  zu  derselben  scheinbaren  Distanz  gehört,  also  auch  eine  andere
Zeit  in  Greenwich,  deren  Unterschied  von  der  angenommenen  Ortszeit  die
gesuchte  Länge  ist.  Bei  dem  umgekehrten  (Bessel’schen)  Verfahren  würde
man  von  bestimmten  Zeiten  in  Greenwich  ausgehen,  die  von  der  geschätzten
Länge  neben  den  Ortszeiten  abhängig  sind,  und  dann  werden  hier  alle  gefundenen
scheinbaren  Distanzen  einander  gleich,  aber  alle  weichen  auch  um  gleich  viel
von  den  beobachteten  Distanzen  ab,  wenn  die  geschätzte  Länge  nicht  richtig
war,  die  also  damit  zu  verbessern  ist.  So  müssen  daher  beide  Wege  zum  Ziele
führen.  Wäre  aber  die  Bestimmung  der  Ortszeit  sehr  mangelhaft  gewesen,  so
würde  man  auf  dem  gewöhnlichen  Wege  zwar  immer  noch  von  der  richtig
beobachteten  scheinbaren  Distanz  ausgehen,  doch  müfste  die  wahre  Distanz  um
gerade  so  viel  unrichtig  werden,  wie  es  dem  Zeitfehler  entspricht,  so  dafs  die
gefundene  Zeit  in  Greenwich  und  die  Ortszeit  beide  mit  demselben  Fehler  behaftet ­
  erscheinen,  wodurch  ihr  Unterschied  noch  immer  die  richtige  Länge
ergiebt.  Es  sei  z.  B.  die  Ortszeit  2  Minuten  zu  grofs  angenommen,  so  würde
man,  von  der  richtigen  scheinbaren  Distanz  ausgehend,  ebenfalls  eine  um  zwei
Minuten  zu  grofse  Zeit  in  Greenwich  finden  (abgesehen  von  der  sehr  kleinen
Aenderung  der  Distanzreduktion  infolge  der  geringen  Veränderung  des  Unterschiedes ­
  zwischen  den  scheinbaren  und  wahren  Höhen).  In  ähnlicher  Weise
wäre  man  bei  Bessel’s  Methode  von  einer  unrichtigen  Zeit  in  Greenwich  ausgegangen, ­
  dio  gerade  um  eben  so  viel  wie  die  Ortszeit  unrichtig  war,  und
hätte  damit  doch  die  richtige  (weil  stationäre)  scheinbare  Distanz  aus  der  veränderlichen ­
  wahren  Distanz  gefunden.  Nicht  so  jedoch,  wenn  aufserdem  die
geschätzte  Länge  unrichtig  gewesen  wäre,  denn  diose  afficirt  nicht  die  Ortszeit,
sondern  nur  die  Zeit  in  Greenwich.  Dadurch  würde  also  der  berechnete
Unterschied  zwischen  der  veränderlichen  wahren  und  der  unveränderlichen
scheinbaren  Distanz  eine  Differenz  geben,  die  nur  durch  die  Verbesserung  der
geschätzten  Länge  weggebracht  werden  könnte.
            
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