Ueber das nautische Längenproblem.
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Gegen die Richtigkeit der theoretischen Behandlung der Aufgabe von
Bessel liefs sich freilich nichts einwenden, aber es zeigt sich hier, dafs eine gute
Theorie nicht allemal praktisch ist, während eine gute Praxis niemals auf einer
schlechten Theorie beruhen kann.
Die Frage, warum denn eine gänzliche Umkehrung des gewohnten Ver
fahrens für die genaue Berechnung nöthig gewesen sei, wurde von Bessel
selbst dahin beantwortet, dafs man zwar auf dem gewöhnlichen Wege auch
dasselbe erreichen könne, aber durch eine zu verwickelte Rechnung, als dafs
sie für den nautischen Gebrauch zu empfehlen sei. Auf eine nähere Begründung
dieser Behauptung, welche sich in den Planeten-Ephemeriden von Schumacher
wiederholte, wurde leider nicht eingegangen. Unter diesen Umständen kann es
noch von Interesse sein, ein Bessel’sches Beispiel auf gewöhnliche Art zu
berechnen und mit seinem Resultate zu vergleichen, um den etwa noch übrig
bleibenden Unterschied und dessen Ursache zu ersehen. Die folgende Aufgabe
hierzu findet sich in den „Astronomischen Nachrichten, Bd. 10, S. 51, wobei zu
bemerken ist, dafs die Zeitangaben damals nach wahrer Zeit üblich waren,
auch für die Monddistanzen im „Naut. Alm.“; ferner dafs die Höhen nicht
beobachtet, sondern berechnet sind, wie Bessel es allgemein vorzog, um die
Distanzrechnung nicht durch etwaige erhebliche Höhenfehler zu beeinträchtigen.
Dafs aber Höhenbeobachtungen für die Zeitbestimmung nicht zu entbehren waren,
wird doch als selbstverständlich angenommen sein.
Vormittags am 2. Juni 1831 auf 19° 31' N-Br und 132° 30' geschätzter
O-Lg von Greenwich wurde beobachtet und auf die Mittelpunkte der Gestirne
reducirt:
Wahre Ortszeit Scheinb. ©Höhe Scheint). (7 Höhe Scheint). Distanz , Thenn. 90° F.
Ith gm 45s h — 77° 44' H = 4° 55' D = 97° 18' 27"
Mittl. Refr. ... 0' 12" ... 9' 55"
Für The™. ... — 1 ... — 53
„ Bar 0 0
0- 11" 9' 2"
Hülien Par. ... 2 ... 56 37 = 56' 49' cos 4° 46'
Refr. n. Par.. .~7 Ö' 9' r . . . 47' 35' r “
1. Berechnung nach der Formel von Dunthorne:
.., .... cos h'cos H' , .
cos D' = cos (h' — H‘) — r — ■ | cos (h — H) — cos Dl
cos h cos Hl t
aber mit Rücksicht auf Thermometer und Barometer nebst Verkürzung der
Halbmesser durch die Refraktion:
h' = 77° 53' 51" cos 9.327368 h = 77° 44'
H' = 5 42 35 cos 9,997841 H = 4 55
h = 77 44 . . sec 0,672719 h — H = 72° 49' cos 295430
H' = 4 55 . . sec 0,001601 D = 97° 18' 27" cos — 127195
Log. Diff. = 9,999529 422625 . . .
(Ohne Therm. u. Bar. 9,999555) Log. Diff. . . .
422167 . . .
h' — H' = 72° 1' 16" cos 308666
D' — 96 31 2 — 113501
Verkürzung des Halbm 24
Wahre Dist 96° 30' 38"
Naut. Alm. XV 96 13 7 . . . 3015 (—16)
17' 31" . . . 1,0118
35 5 . . . 7103
15 0 0
14h 24™ 55*
H- 3
W. G. Z 14h 24™ 58’ ~
W. O. Z 23 8 45
Länge 8 h 43™47 s =- 130° 56' 45" Ost.
Bessel fand die Länge in Zeit = 8 h 43 m 47,4 S nach seiner Methode,
aber schon mit Rücksicht auf Abplattung nebst Verbesserung wegen der
starken Abweichung von der geschätzten Länge. Beides ist hier noch nachzu
holen, wie auch die Berücksichtigung der Brüche der Sekunden, bevor eine
5,625955
9,999529
5,625484
Bar. 29,6 Zoll engl.
(f Aeq. Hör.Par. = 56' 49"
2 Halbm. — 15' 29" 4-1" Vergr.