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Ueber das nautische Liingenproblem.
lässigen ist, und es wünschenswert sei, die nautischen Rechnungen überall
möglichst abzukürzen.
Nach Bessel’s Plan aber, die Aufgabe zunächst in aller Strenge zu
lösen, durfte nichts dahin Gehörige unberücksichtigt bleiben, sogar die Vor
untersuchung fehlte nicht, ob der gemessene Distanzbogen, welcher, vom Sterne
beginnend, sich eigentlich dort endigt, wo er auf dem nicht kreisförmig erschei
nenden Mondrande normal steht, auch vertauscht werden dürfe mit demjenigen
Distanzbogen, der die Mitte beider Gestirne verbindet, wenn nur die Verkürzung
des Halbmessers durch die Refraktion dabei berücksichtigt wird. Die Unter
suchung ergab freilich, dafs das Letztere nur einen verschwindend kleinen
Unterschied hervorbringen könne gegen die erste, ganz strenge Auffassung.
Eine andere Frage war die, ob es nicht vorzuziehen wäre, und Bessel
entschied sich dafür, das ganze bisherige Verfahren bei der Berechnung der
Monddistanzeu vollständig umzukehren, nämlich aus der wahren Distanz, wie
sie für den Augenblick der Beobachtung mit Hülfe der geschätzten Länge aus
der Ephemeride durch Einschaltung zu erhalten ist, die scheinbare Distanz
der Ränder genau zu berechnen, und somit die Rechnung völlig der unmittel
baren Beobachtung entgegenzuführen, was im Allgemeinen freilich nur erwünscht
sein könnte, wenn sonst keine Bedenken entgegenständen. Der übrig bleibende
Unterschied zwischen Rechnung und Beobachtung müfste dann anzeigen, dafs
die geschätzte Länge nicht richtig war, und es würde sich nun fragen, wie viel
die geschätzte Länge zu ändern sei, um den Unterschied ganz wegzubringen.
Das scheint freilich nicht so einfach, wie bei dem gewöhnlichen Verfahren, wo
nur eine berechnete wahre Distanz, deren Veränderung man aus dem Jahrbuche
genau kennt, einzuschalten ist. Im Grunde aber läuft es doch auf dasselbe
hinaus. Denn wenn die geschätzte Länge etwas anders angenommen wird, so
ändert sich auch die resultirende Zeit in Greenwich um eben so viel und dem-
gemäfs auch die wahre Distanz, wovon ausgegangen wurde. So lange also nur
der Unterschied zwischen der scheinbaren und wahren Distanz sehr nahe der
selbe bleibt, kann auch die Veränderung der schliefslich übrig gebliebenen
Differenz zwischen Rechnung und Beobachtung, der Veränderung der wahren
Distanz proportional gesetzt werden. Etwas Anderes ist es, wenn sich durch
sehr starke Abweichung der berechneten Länge von der geschätzten, eine so
grofse Zeitveränderung ergiebt, dafs der Unterschied zwischen scheinbarer und
wahrer Distanz sich inzwischen selbst merklich verändert. In diesem Falle ist
es gerade so, als wenn die gewöhnliche Rechnung wegen zu starker Abweichung
von der geschätzten Länge wiederholt werden mufs, da sich für den neuen
Zeitpunkt (in Greenwich) besonders die Mondhöhe (falls diese nicht beobachtet,
sondern berechnet ist) merklich verändert haben kann, mithin auch die Reduktion
der scheinbaren Distanz auf die wahre.
Wie man aber in einem solchen Falle keineswegs die ganze Rechnung
zu wiederholen braucht, sondern nur in Beziehung auf die wirklichen kleinen
Veränderungen im Moudorte, so suchte auch Bessel nur diese Veränderungen
auf und verwandte sie zur entsprechenden Verbesserung des vorigen Betrages
der Distanzänderung, um damit die genauere Länge zu finden. Etwas künstlicher
durch eine besondere Formel erscheint dies Verfahren allerdings im Vergleich
mit der einfachen Wiederholung der Rechnung oder vielmehr ihrer Verbesserung
an den betreffenden Stellen, auch ist es später weggelassen worden, als
Schumacher die Bes sei’sehe Methode in seine Ephemeriden der Planeten
distanzen vom Monde aufnahm und dieselben demnach ganz nach dieser Methode
einrichtete. Diese Ephemeriden enthielten von drei zu drei Stunden die wahren
Distanzen, nicht der Mittelpunkte, sondern schon der Ränder, und ihre Ver
änderung in einer Sekunde (nebst Anweisung zur Berücksichtigung der zweiten
Differenzen), ferner den Positionswinkel an der Sonne oder dem Sterne, zwischen
der Zenithdistanz und dem Distanzbogen, die Horizontalparallaxe des Mondes,
die Deklination der Sonne oder des Planeten nebst einigen anderen Hülfsgröfsen
zur Erleichterung der Rechnung. Mit dem Aufhören dieser Ephemeriden, wie
sie von Bes sei’s Methode vorausgesetzt wurde, mufste also eine solche
Rechnungsform aufser Gebrauch kommen, wenn sie überhaupt jemals zur See
benutzt worden ist, wozu sie bestimmt war.