lieber das nautische Längenproblem.
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sonders auf Schiffen von unglücklichen Zufällen mancherlei Art betroffen werden
können. Alsdann würden doch nur die Monddistanzen zur astronomischen
Längenbestimmung übrig bleiben, und man müfste wenigstens für alle Fälle
darauf vorbereitet sein, also die erforderliche Uebung im Observiren und
Berechnen der Monddistanzen besitzen, ungeachtet der jetzt seltener gewordenen
Veranlassung zur praktischen Ausübung.
Was die wissenschaftliche Seite des Gegenstandes betrifft, wodurch das
allgemeine Interesse daran rege gehalten wurde, so bietet das viel durchdachte
Monddistanzenproblem bekanntlich manche mathematischen Beziehungen, die eine
praktische Verwerthung finden können, und worüber daher im Laufe der Zeit,
mit verschiedentlichem Erfolge, viel gearbeitet worden ist. Eine erschöpfende
mathematische Behandlung der Aufgabe wurde von berufenster Seite in Aussicht
gestellt durch die „Neue Berechnungsart für die nautische Methode der Mond
distanzen“, welche im Jahre 1832 Prof. Bessel ') in Königsberg verfafste.
Bessel hatte damals, durch äufsere Umstände in seinen anderen grofsen Arbeiten
behindert, sich in ländlicher Zurückgezogenheit diesem abgesonderten Gegen
stände zugewandt und suchte auch ihm den höchsten Grad der Vollkommenheit
zu goben. Er nahm als don Vorgefundenen allgemein üblichen nautischen
Gebrauch diejenigen Regeln an, welche Norie’s Epitome of practical Navigation
vom Jahre 1828 für die Berechnung der Monddistanzen vorschrieb, und hob
zunächst die Mängel daran hervor, welche, nach der Gröfse ihres Einflusses auf
die Länge geordnet, folgende waren:
1. Es wurde nur die mittlere Refraktion angewandt, also Thermometer
und Barometer blieben unberücksichtigt, wodurch bei 5° Höhe ein Fehler in
der Distanz von 68" und darüber entstehen könne.
2. Für die Halbmesser der Gestirne kämen nicht die durch Refraktion
verkürzten in Anwendung, welches bei 5° Höhe einen Distanzfehler bis zu
27" geben würde.
3. Die Abplattung der Erde bleibe unberücksichtigt, aber der ent
sprechende Fehler in der Distanz könne mehr als 15" betragen, doch seien die
verschiedentlich vorgeschlagenen Verfahrungsweisen die Abplattung zu berück
sichtigen, auch nicht so geschmeidig, dafs sie in allgemeine Anwendung ge
kommen wären.
4. Die angewandte Rechnungsform (bei Dunthorne’s und anderen
strengen Formeln) bediene sich einer Hülfstafel unter dem Namen „Logarith-
mische Differenz“ (= log 008 cos wo jj un( j jj ,jj e scheinbaren Höhen, h'
v cos h cos H ’
und H' die wahren bezeichnen), wodurch zwar die Rechnung abgekürzt werde,
aber es dabei nicht mehr möglich sei (?), statt der benutzten mittleren
Refraktion die wirkliche anzuwenden.
Dafs diese Einwendungen von Bessel damals im Allgemeinen sehr zeit-
gemäfs waren, ergiebt sich auch aus der Vergleichung anderer derzeitiger
nautischer Lehrbücher, welche zwar die Veränderungen der mittleren Refraktion
durch Temperatur und Luftdruck angaben, aber bei den Monddistanzen, selbst
mit niedrigen Höhen, keinen Gebrauch davon in ihren Rechnungsbeispielen
machten. Nach der Zeit ist das freilich anders geworden, und selbst die Tafel
für die logarithmische Differenz enthält die erforderlichen kleinen Verbesserungen
für den Stand der meteorologischen Instrumente, um sich dieser Hülfsgröfse
mit Genauigkeit bedienen zu können, wie man es namentlich auf französischen
Schiffen nach Borda’s Methode gewohnt ist, wozu die „Connaissance des Temps“
(Tab. IX, S. 684) diese Korrektionen angiebt. Endlich ist auch für die Berück
sichtigung der Abplattung der Erde besser gesorgt, wenn auch nicht in der
etwas einfacheren, von Bessel vorgezogenen Betrachtungsweise. Uebrigens
wird der Einflufs der Abplattung auf niedrigen Breiten so gering und erreicht
in anderen Fällen selbst im Maximum (auf 55° Breite) kaum den von Bessel
angegebenen extremen Werth von 15", so dafs auch diejenigen Anweisungen nicht
geradezu ungerechtfertigt scheinen, welche die Abplattung der Erde im nautischen
Gebrauch überhaupt unberücksichtigt lassen wollen, da ihr Betrag, gegenüber
den gröfseren, zum Theil unvermeidlichen Fehlern, als unerheblich zu vernach-
i) „Astron. Nachr.“, Bd. 10. Altona 1833. S. 17—62.
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