Das Eis und die Strömungsverhältnisse des Beringmeeres etc.
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Das Eis und die Strömungsverhältnisse des Beringmeeres, der
Beringstrafse und des nördlich davon belegenen Eismeeres.
Von Fr. Hegemanu, Assistent der Seewarte.
(Hierzu Tafel 16.)
Unter dem Titel „Ice Änd Ice Movements In Bering-Sea And The Arctic
Basin“ hat das „Hydrographie Office“ in Wa&Jiington im Januar 1890 eine
Broschüre herausgegeben, welche den Schiffsfähnrich Simpson von dem U. S.
Kreuzer „Thetis“ zum Verfasser hat. Der Bericht beruht auf Beobachtungen
aus den beiden letzten Jahrzehnten von 16 Kapitänen von Walschiffen, der
U. S. Kreuzer „Corwin“ in den Sommern 1881 und 1885 und „Thetis“ 1888
und 1889, des Schiffes „Little Joe“, von 5 Beamten der verschiedenen Handels-,
Fischerei- und Kohlenstationen in der Umgebung der Beringstrafse und den
Aussagen eines Matrosen des U. S. Kreuzers „Rodgers“.
Der Inhalt dieser Broschüre hat mein Interesse im hohen Grade erweckt,
um so mehr, als mir die genannten Gewässer durch den Augenschein bekannt
sind, weil ich dieselben in den Sommern der Jahre 1860, 1861 und 1864 bis
1868 inkl., zuerst als Steuermann der oldenburgischen Schiffe „German“ und
„Julian“, in den beiden letzten Jahren als Kapitän des letztgenannten Schiffes,
befahren habe. Die Angaben, so weit sie sich auf die westliche Hälfte des
Beringmeeres, die Beringstrafse und das nördliche Eismeer zwischen Point
Barrow an der amerikanischen, der Harald-Insel und Kap North an der sibiri
schen Küste beziehen, decken sich in allen Theilen vollständig mit meinen Er
fahrungen. Der östliche Theil des Beringmeeres ist von mir nur ein Mal, näm
lich im Herbst 1868, durchsegelt worden, während ich östlich von Point Barrow
überhaupt garnicht gewesen bin.
Ich habe mir nun, in Veranlassung des amerikanischen Berichtes, die
Aufgabe gestellt, zu einer allgemeinen Bereicherung der Kenntnisse über das
Eis und die Strömungsverhältnisse in der Nachbarschaft der Beringstrafse bei
zutragen, was ich gerade jetzt als sehr zeitgemäfs erachte, weil ja bekanntlich
Herr Dr. Nansen denVersuch machen will, den Nordpol von der Beringstrafse
aus zu erreichen.
Um meinen Zweck, so weit dieses mir möglich ist, zu erlangen, gebe
ich zunächst einen kurzen Ueberblick über den Verlauf meiner Reisen in der
Umgebung der Beringstrafse — den II. Theil derselben —, welcher dazu dient,
ein Bild über die Verbreitung und Bewegung des Eises in den in Rede stehen
den Gewässern während der sechziger Jahre entwerfen zu können, und lasse
dann mit Genehmigung des „Hydrographie Office“ in Washington die wichtigsten
Aufzeichnungen des amerikanischen Berichtes in abgekürzter Form und im Ver
ein mit einigen bemerkenswerthen Thatsachen meiner Reiseberichte folgen.
Von meinen alten Schiffstagebüchern fehlen leider die der Jahre 1860
und 1867, so dafs ich die Ereignisse dieser Jahre kurz nach dem Gedächtnifs
wiedergebe.
Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre rüstete die Aktien
gesellschaft „Visurgis“ in Oldenburg eine Anzahl Schiffe für den Südseewalfang
aus. Auf dem Schiffe „German“ unter Führung des Kapt. Lübbers erhielt ich
eine Stelle als Steuermann.
Eine eingehendere Beschreibung des ersten Theiles unserer Reisen von
Honolulu durch den Stillen Ocean südwärts bis zu den Marshall-, Salomon- und
Carolinen-Inseln und wieder nordwärts über die Marianen- und die Bonw-Iuseln
nach Japan, um den Pottwal zu jagen, unterlasse ich als nicht in den Rahmen
dieser Aufgabe gehörend, obwohl dieselbe eine Menge des Interessanten bieten
würde. Ich gebe hiervon nur die Daten, die nothwendig sind, um den Zu
sammenhang des Ganzen nicht zu verlieren.
Von Honolulu wurde die Reise in der Regel um die Mitte oder das Ende
Dezember angetreten und Mitte bis Ende April des folgenden Jahres von