Die Gezeitenerscheinungen und die Navigirang auf der unteren Seine.
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Gegenwärtig ist in der eingedämmten Seine der erste gute Ankerplatz
bei la Corvette. Derselbe befindet sich 6 km oberhalb von Quilleboeuf und dem
nach ca 10 km von Radicatelle. Yerläfst man denselben zur Zeit der Fluth,
so gelangt man an die Mündung des Fahrkanals, wenn das Hochwasser von
Havre bereits 3 Stunden gefallen ist, also zu einer Zeit, zu welcher das Wasser
so schnell fällt, dafs der geringste Zeitverlust äufserst gefährlich werden kann.
Man kann mithin nur mit zwei Fluthen von Rouen aus die See erreichen,
ausgenommen, dafs man die Barre bei la Mailleraye rechtzeitig passirte. In
diesem Falle benutzt man die Fluth bei la Vacquerie und setzt von hier möglichst
schnell die Fahrt fort.
Im Allgemeinen müssen die abwärts gehenden Schiffe ihre Fahrt so ein
richten, dafs sie zu einer bestimmten Zeit an solche Stellen des Flusses kommen,
wo sie den herankommenden Maskaret unter günstigen Verhältnissen abreiten
können. Die hierzu geeigneten Stellen haben gröfsere Tiefe und tritt daher
dort der Maskaret nicht ganz so heftig auf. Kleine Schiffe müssen die Luken
geschlossen halten. Aufser den Lootsen kennen auch die Anwohner des Flusses
die tiefen und breiteren Stellen, doch bleiben dieselben nicht immer gut, sondern
verändern sich manchmal mit der Zeit. Grofse, vor Anker liegende Dampfer
winden die Kette so weit ein, dafs der Anker auf und nieder ist. Wegen des
noch laufenden Ebbestromes liegen sie mit dem Achtertheil stromabwärts. So
bald nun der Maskaret sie erreicht, gehen sie mit langsam arbeitender Maschine,
zugleich allmählich Kette aussteckend, achteraus. Dann versuchen sie nach der
günstigsten Seite vor den heraufkommenden Fluthstrom zu schwaien. Das
Schwaien geschieht ziemlich langsam, weil der Ebbestrom noch auf den unteren
Theil des Schiffes einwirkt, und dauert ungefähr 10 Minuten. Dieser Umstand
ist grofsen Dampfern günstig, denn dieselben würden in dem Flusse, dessen
Breite kaum drei Mal so grofs ist als die Länge des Schiffes, oft nicht Baum
zum schnellen Schwaien haben. Während des Schwaiens müssen sie mit Hülfe
der Maschine so manövriren, dafs sie sich nicht zu sehr dem Ufer nähern.
Besser ist es, wenn der Raum des Ankerplatzes es gestattet, das Schiff so zu
drehen, dafs dessen Bug gegen den herankommenden Maskaret gerichtet ist.
Bei der Fahrt in der eingedämmten Seine, sei es stromaufwärts oder
stromabwärts, darf man nicht vergessen, dafs in den Krümmungen des Flusses
die Tiefe auf der konvexen Seite geringer ist als auf der konkaven, weil hier
der Strom das Ablagern von Sinkstoffen verhindert. Man mufs daher in den
Flufskrümmungen näher dem letzteren Ufer bleiben und vom anderen sich
fern halten.
Sturm vom 25.-26. April 1890.
Von Prof. Dr. W. J. vau Bebber, Abtheilungsvorstand der Deutschen Seewarte.
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte.)
Hierzu Tafel 14.
Das Material, welches zur Bearbeitung des oben genannten Sturmes be
nutzt wurde, war Folgendes: Die Beobachtungen und Registrirungen an den
Normalbeobachtuugsstationen der Seewarte, die Wetterkarten der Seewarte,
die Aufzeichnungen an den Signalstellen der Seewarte und handschriftliche
Mittheiluugen von 47 meteorologischen Stationen des Königlich preufsischen
meteorologischen Institutes, welch’ letztere der Seewarte von der Direktion
jenes Institutes in zuvorkommendster Weise zur Verfügung gestellt wurden.
Dieser Sturm ist insbesondere dadurch bemerkenswerth, dafs er aus einer
unscheinbaren Depression über den Niederlanden sich entwickelte und, auf
kleines Gebiet sich beschränkend, auf seinem Wege nach den dänischen Inseln
mit aufserordentlicher Heftigkeit auftrat.