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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 18 (1890)

Die Gezeitenerscheinungen und die Navigirung auf der unteren Seine. 353 
bei, die Dauer des Hochwassers von Havre, welche ungefähr 2 Stunden beträgt, 
zu verlängern. 
Die zwei Stunden vor Hochwasser von Havre in die Bucht eindringende 
Wassermasse, deron Eintreffen um so näher bei Ilonfleur stattfindet, je gröfser 
der Hoehwasserkoefficient ist, macht sich in der Oeffnung der Bucht anfangs 
nur als eine schwache wellenförmige Bewegung bemerklicb. Diese nimmt aber 
bald an Höhe zu, und die Geschwindigkeit ihres Fortschreitens beschleunigt 
sich in dem Mafse, als sie sich der eingedämmten Seine nähert. In der Nähe 
derselben, bei Berville, entsteht durch ihr Zusammentreffen mit den aus der 
Seine und Rille kommenden Gewässern eine wellenartige Anschwellung, welche, 
den vorderen Theil der Fluth bildend, in die eingedämmtc Seine dringt und 
sich mit grofser Geschwindigkeit stromaufwärts bewegt. Dies ist die als 
Maskaret bekannte Erscheinung. Von den Lootseu und den Anwohnern der 
unteren Seine wird dieselbe la Barre oder auch le Flot genannt. 
Der Maskaret ist in dem unteren Tlioile der eingedämmten Seine nicht 
nur eine Wellenbewegung, sondern auch eine in den Flufs eindringende Wasser 
masse, denn ihr Salzgehalt läfst erkennen, dafs sie aus einer Mischung von See- 
und Flufswasser besteht. Der Salzgehalt dos Maskaret nimmt mit seinem Fort 
schreiten ab, und etwas oberhalb von Caudebec führt er kein Seewasser mehr 
mit sich. Von hier wird er allmählich eine reine Wellenbewegung, denn ein 
im Flusse treibender Gegenstand wird von dem Maskaret um so weniger strom 
aufwärts versetzt, je weiter oben der Maskaret auf ihn trifft. Der Maskaret 
erreicht eine Höhe von 0,5 bis 3 m. Sein vorderer Theil fällt steil ab und 
bildet stromabwärts einen konvexen Bogen. Der Gipfel desselben brandet nicht 
stark, aber seine Seiten brechen sich gewaltig an den Ufern und auf den neben 
dem Fahrwasser liegenden flachen Stellen des Flusses. Dem Maskaret folgen 
unmittelbar mehrere hohe Wellen (Etellos oder Eteules genannt), die weit ge- 
gefährlicher sind, als der Maskaret selbst, weil sie beträchtlich höher sind. 
Ihre Höhe erreicht manchmal 7 m, und in diesem Falle richten sie oft vielen 
Schaden an. Im Frühjahr 1888 zerstörten die Wellen eines einzigen Maskarets 
die Ufer von ViUequier und Caudebec, rissen mächtige Steinblöcke aus den Kais 
und warfen Umfassungsmauern um. Indem der Maskaret mit dem abwärts 
laufenden Strom zusammentrifft, bildet sich an seinem vorderen Theil eine flache 
Erhöhung, an deren Stelle nach 4 oder 5 Minuten ein nicht unbeträchtliches 
Einsinken stattfindet, welches sich jedoch in kurzer Zeit wieder ausgleicht. 
In den Krümmungen des Flusses vermindert sich die Höhe des Maskaret 
etwas, und der vordere Theil desselben nimmt nicht die ganze Breite des 
Flusses ein. Die Schiffe finden daher oft hinter dem konvexen Theil der Flufs- 
krümmung einigen Schutz, namentlich dort, wo das Ufer, wie z. B. bei Aisier 
oder bei la Vacquerie, etwas vorspringt. 
Ein Maskaret findet nur dann statt, wenn die Höhe seines vorderen 
Theiles 0,5 m oder mehr beträgt. Dies ist aber nur der Fall, wenn der Hoch- 
wasserkoöfficient von Havre gröfser als 0,71 m ist, mithin während der Spring 
zeit. Bei mittlerem Fluthwechsel und zur Zeit der Nippflutheu äufsert sich der 
Maskaret nur als ein mehr oder weniger heftiges Ankommen der Fluth. 
Von der Bucht bis Rouen ist wegen des Gefälles der eingedämmten Seine 
kein unveränderliches mittleres Wasserniveau wie bei Havre vorhanden. Wäh 
rend der Springßuthen ist zur Zeit des Hochwassers in der Bucht der Niveau 
unterschied beträchtlich, zur Zeit des Niedrigwassers jedoch bis Caudebec gering. 
Von da bis Rouen fällt das Niedrigwasser um so mehr, je schwächer die Gezeit 
ist. Es findet also auf dieser Strecke das Gegentheii von dem statt, was an 
der Küste geschieht. Eine der Ursachen des Maskaret ist der erwähnte Niveau 
unterschied zwischen dem Wasser in der Bucht und dem der eingedämmten 
Seine. In allen Punkten derselben erreicht, wie die Beobachtungen ergeben, 
das Hochwasser dieselbe Höhe, wie in der Bucht, und dies kann nur dann 
geschehen, wenn eine mächtige Wassermasse binnen kurzer Zeit in die ein 
gedämmte Seine gelangt, daher dann auch der Maskaret im Verhältnifs zur 
Gröfse des Hochwasserkoefficienten an Heftigkeit zunimmt. Die zweite Ursache 
der Entstehung des Maskaret ist die Gestalt der Seme-Bucht. Dieselbe wird 
nach ihrem Innern hin schmaler, und daher wird die in sie eindringende Fluth 
während ihres Fortschreitens mehr und mehr zusammengedrängt, und infolge 
Ann. d. Hydr. etc., 1890, Heft IX. 3
	        
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