Die Gezeitenerscheinungen und die Navigirung auf der unteren Seine.
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Aufserhalb der ersten Tonne vor den Bänken Amfard und Ratier tritt
Niedrigwasser immer 30 Minuten nach dem Niedrigwasser von Havre ein.
Zwischen den genannten Bänken bat während der Springfluthen der
Ebbestrom zur Zeit des Niedrigwassers von Havre noch eine Geschwindigkeit
von ca 5 Kn, und die Höhe des Wassers ist noch 3 /* Stunden später dieselbe.
Dann steigt das Wasser etwas, obgleich der Strom noch seewärts läuft. Die
Geschwindigkeit desselben nimmt jedoch allmählich ab, und l h 40 m nach
Niedrigwasser von Havre beginnt der Fluthstrom. Dieser ist anfangs schwach,
nimmt aber schnell an Stärke zu und erreicht manchmal schon nach einer
Stunde das Maximum seiner Geschwindigkeit, welches ca 6,5 Kn beträgt.
Seine Richtung ist anfangs OSO, wird dann östlicher resp. nördlicher, und
kurze Zeit nach Hochwasser, welches 25” vor demjenigen von Havre eintritt,
läuft er nach NzO. Hierauf geht er über NW zum Ebbestrom über, dessen
Richtung WNW ist. In der Einfahrt der eingedämmten Seine kentert der
Ebbestrom zur Zeit der Nippfluthen 2 h 15™ und während hoher Springfluthen
3 h nach Niedrigwasser von Havre.
Die aus der Seine-Bucht kommende Strömung trifft auf den Fluthstrom
an einer Stelle, welche der Mündung des Kanals zwischen den Bänken Amfard
und Ratier um so näher liegt, je mehr Zeit seit dem Niedrigwasser von Havre
verflossen ist. In der Mündung selbst findet das Zusammentreffen der beiden
Strömungen, wie erwähnt, l h 40 m nach Niedrigwasser von Havre statt, 20 Mi
nuten früher begegneten sich beide Strömungen bei Trouville und zur Zeit des
genannten Niedrigwassers noch weiter westwärts.
Vor Honfleur beginnt während der Springzeiten die Fluth 20“ später
als in der MünduDg des Kanals zwischen den Bänken Ratier und Amfard. Das
Wasser steigt dann sehr rasch, und beim Eintritt des Hochwassers füllt sich
der Hafen von Honfleur so schnell, als ob dies eine einzige mächtige Welle
bewirkte. Gleichzeitig wird der innere Theil der Sme-Bucht überfluthet, und
das Hochwasser tritt in fast allen Theilen derselben ungefähr 8“ vor Hoch
wasser in Havre ein. Während der Nippzeiton findet das Hochwasser in dem
unteren Theile der Bucht früher statt.
In der Einfahrt der eingedämroten Seine beginnt während der Spring
zeiten die Fluth 50 Minuten später als vor Honfleur, aber das Hochwasser tritt
fast gleichzeitig ein, weil das Steigen des Wassers durch die abwärts fliefsenden
Gewässer der Seine beschleunigt wird. Zu Nippzeiten und bei mittlerem Fluth-
wechsel findet dasselbe, aber in viel geringerem Mafse statt.
Ist der Fluthwechsel sehr klein, so beginnt die Fluth zwischen Amfard
und Ratier ungefähr eine Stunde, ist er sehr grofs l h 45“ nach Niedrigwasser
von Havre. Aus dem Zeitunterschiede von 3 /i Stunden und dem Hochwasser-
koefficienten x ) von Havre kann für alle zwischenliegenden Hochwasser der Ein
tritt der Fluth an der genannten Stelle annähernd berechnet werden. Als
kleinster Hochwasserkoöfficient ist für Havre ungefähr 0,60 m, als gröfster
0,82 m ermittelt worden. Vortheilt man den Zeitunterschied von 45” gleich-
mäfsig auf die 22, zwischen 0,60 und 0,82 m liegenden Koefficienten, so erhält
man für jeden nächst gröfseren Koöfficienteu 2 Minuten Verspätung des Fluth
eintritts gegen den vorhergehenden, mithin Eintritt der Fluth bei dem Hoch-
wasserkoöfficienten 0,61 . . . l h 2“ nach Niedrigwasser von Havre, bei dem
Koöfficienten 0,62 . . . l h 4“ nach diesem Niedrigwasser u. s. f.
In der Mündung der Rille bei Berville tritt der Fluthstrom bei Nipp
fluthen 2 h 15“ und bei Springfluthen 2 h 55“ nach Niedrigwasser von Havre
ein. Es findet also zwischen beiden ein Unterschied von 40 Minuten statt, und
aus diesem und den Hochwasserkoefficienten kann wie vorhin der Eintritt der
Fluth für jeden Fluthwechsel berechnet werden.
In der Bucht beginnt der Ebbestrom im Allgemeinen: Während der Nipp
zeiten 2 Stunden, boi mittlerem Fluthwechsel 2 h 30“ und während der Spring
zeiten 3 Stunden nach Niedrigwasser von Havre. Vor Honfleur setzt er Vs Stunde
*) Der Hochwasserkotflieient ist diejenige Zahl, mit welcher die Unité de Hauteur zu multi-
pliciren ist, um die Höhe des Hochwassers über Mittelwasser zu erhalten. Unité de Hauteur ist die
Höhe des höchsten Hochwassers über Mittelwasser, ein oder zwei Tage nach Neu- und Vollmond,
wenn Sonne und Mond im Aequator und in der mittleren Entfernung von der Erde waren.