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Die Gezeitenerscheinungen und die Navigirung auf der unteren Seine.
beim Einsegeln an St-B. und die letztex-en an B-B. zu lassen. Das Fahrwasser
des Kanals wird seitens der mit der Auslegung der Tonnen betrauten Behörden
oft untersucht und die Tonnen verlegt, wenn Aenderungen in den Tiefen oder
Richtungen dies erfordern. Die Aenderungen der Tiefen des Fahrwassers treten
aber zuweilen in so kurzer Zeit ein, dafs sie nicht rechtzeitig erkannt werden,
und dann ereignet es sich leicht, dafs ein Schiff im Kanal festkommt. Dies führt
aber fast ausnahmslos in kurzer Zeit den Verlust dos Schiffes herbei. Da der
Kanal nur bei Hochwasser befahrbar ist, so strandet ein Schiff nur zu dieser Zeit.
Der noch einlaufende Strom dreht dann bald das gestrandete Schiff und der
darauf folgende Ebbestrom drückt gegen dessen Vorder- oder Achtertheil mit
solcher Gewalt, dafs es dwars zum Strome zu liegen kommt. In kurzer Zeit
wird dann der Grund unter dem Vorder- und Hintertheil vom Strome fort-
gei'issen, das Schiff bleibt schliefslich nur in der Mitte unterstüzt und bricht
auseinander. Dies war der Fall mit dem grofsen englischen Dampfer v Border
Chieftain“. Derselbe strandete um 7 Uhr Morgens gegenüber von Ronfleur, um
11 Uhr Vormittags brach das Deck, um 1 Uhr 20 Minuten lagerte auf dem
selben eine dicke Schicht Sand, und vor dem nächsten Hochwasser war er
schon unter Wasser. Die Ursache dieses Verlustes war eine, in 18 Stunden
eingetretene Aenderung des Fahrwassers. Am Tage vorher hatte sich dasselbe
noch nicht verändert, wie eine von mehreren Lootsen vorgenommene Unter
suchung festgestellt hatte.
Eingedämmte Seine. An der obei-en Gi’enze der Mündungsbucht der
Seine beginnt der eingedämmte Theil derselben. Dux-ch die Eindämmung, ein
grofsartiges, vor 40 Jahi-en begonnenes Wei-k, wird die Unverändeidichkeit des
Flufsbettes gesichert, und ist eine gröfsere Stromkraft geschaffen, welche die
Vertiefung des Flusses und eine bessere Abführung der Sinkstoffe bewirkt.
Infolge dessen ist jetzt das Flufsbett von dem Ende der Dämme bis Rouen
hinauf mit Ausnahme mehrerer, von den Lootsen Hauts oder Seuils genannter
Querbari-en von hinreichender Tiefe und Regelmäfsigkeit, so dafs selbst gx-ofse
Schiffe nach Rouen gehen können. Die Barren verändern sich in viel kleinerem
Mafse, als die in der Bucht gelegenen Bänke, weil sich wegen der starken
Strömungen auf dem, einen festen Grund bildenden Kimmeridge-Thon nur zeit
weise geringe Massen Sinkstoffe ablagern. Der Durchschnitt der meisten Barren
ist von elliptischer Gestalt, daher sie auch Seuils genannt werden, wie z. B. die
Barre von St. Léonard und weiter stromaufwäi-ts die bei Aizier und die Bänke
les Flaques, la Traverse de Villequier u. s. w. Bei jeder Bari'e ist eine Vertiefung
des Flufsbettes, in welcher zwei oder drei Schiffe während Niedrigwasser flott
bleiben und daher vor Anker gehen können. Diese Ankergi-ünde vertiefen sich,
wenn die bei denselben liegenden Barren an Höhe zunehmen, und nehmen an
Tiefe ab, wenn die Barren niedriger werden. Das Befahren der eingedämmten
Seine ist verhältnifsmäfsig leicht und ungefährlich, wird aber durch den
Maskaret, von welchem später die Rede sein wird, sehr erschwert.
Die 127 km lange Strecke von den Bänken Amfard und Ratier bis Rouen
wird in 24 Stunden vier Mal von einer gi-ofsen Wassermasse in abwechselnden
Richtungen durchströmt. Die aus dem Englischen Kanal kommende Fluthwelle
ei'zeugt in der Sefne-Bucht Strömungen in verschiedenen Richtungen, welche
durch die Gestaltung der Bucht und ihres Grundes, die abfliefsenden Gewässer
der Seine und die während der Fluth stattfindenden Niveau-Unterschiede des
Wassers geregelt wei'den.
Wenn während der Springzeiten die Fluthwelle vor Havre angelangt
ist, haben sich bereits die kleinen Kanäle der Bucht mit Wasser gefüllt, die
vorher ti’ockenen Bänke sind überschwemmt, udü das Wasser des nach der
eingedämmten Seine führenden Kanals hat eine gröfsere Höhe erreicht, als in
anderen Theilen der Bucht. Wäln’end der Nippzeiten ist dies nicht der Fall,
quer ab von Ronfleur ist dann das Wasser im Kanal fast ebenso hoch, wie
das Niedrigw T asser in Havre, und steht nur zur Zeit des Hochwassers einige
Centimeter höher. Bei sehr grofsem Fluthwechsel läuft der Ebbestrom mit
grofser Geschwindigkeit abwärts, und dann beträgt der Niveau-Unterschied des
Wassers zwischen Ronfleur und Havre zur Zeit des Niedi'igwassei's 1 m und
zur Zeit des Hochwassei’s 0,5 m.