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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 18 (1890)

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Die Gezeitenerscheinungen und die Navigirung auf der unteren Seine. 
beim Einsegeln an St-B. und die letztex-en an B-B. zu lassen. Das Fahrwasser 
des Kanals wird seitens der mit der Auslegung der Tonnen betrauten Behörden 
oft untersucht und die Tonnen verlegt, wenn Aenderungen in den Tiefen oder 
Richtungen dies erfordern. Die Aenderungen der Tiefen des Fahrwassers treten 
aber zuweilen in so kurzer Zeit ein, dafs sie nicht rechtzeitig erkannt werden, 
und dann ereignet es sich leicht, dafs ein Schiff im Kanal festkommt. Dies führt 
aber fast ausnahmslos in kurzer Zeit den Verlust dos Schiffes herbei. Da der 
Kanal nur bei Hochwasser befahrbar ist, so strandet ein Schiff nur zu dieser Zeit. 
Der noch einlaufende Strom dreht dann bald das gestrandete Schiff und der 
darauf folgende Ebbestrom drückt gegen dessen Vorder- oder Achtertheil mit 
solcher Gewalt, dafs es dwars zum Strome zu liegen kommt. In kurzer Zeit 
wird dann der Grund unter dem Vorder- und Hintertheil vom Strome fort- 
gei'issen, das Schiff bleibt schliefslich nur in der Mitte unterstüzt und bricht 
auseinander. Dies war der Fall mit dem grofsen englischen Dampfer v Border 
Chieftain“. Derselbe strandete um 7 Uhr Morgens gegenüber von Ronfleur, um 
11 Uhr Vormittags brach das Deck, um 1 Uhr 20 Minuten lagerte auf dem 
selben eine dicke Schicht Sand, und vor dem nächsten Hochwasser war er 
schon unter Wasser. Die Ursache dieses Verlustes war eine, in 18 Stunden 
eingetretene Aenderung des Fahrwassers. Am Tage vorher hatte sich dasselbe 
noch nicht verändert, wie eine von mehreren Lootsen vorgenommene Unter 
suchung festgestellt hatte. 
Eingedämmte Seine. An der obei-en Gi’enze der Mündungsbucht der 
Seine beginnt der eingedämmte Theil derselben. Dux-ch die Eindämmung, ein 
grofsartiges, vor 40 Jahi-en begonnenes Wei-k, wird die Unverändeidichkeit des 
Flufsbettes gesichert, und ist eine gröfsere Stromkraft geschaffen, welche die 
Vertiefung des Flusses und eine bessere Abführung der Sinkstoffe bewirkt. 
Infolge dessen ist jetzt das Flufsbett von dem Ende der Dämme bis Rouen 
hinauf mit Ausnahme mehrerer, von den Lootsen Hauts oder Seuils genannter 
Querbari-en von hinreichender Tiefe und Regelmäfsigkeit, so dafs selbst gx-ofse 
Schiffe nach Rouen gehen können. Die Barren verändern sich in viel kleinerem 
Mafse, als die in der Bucht gelegenen Bänke, weil sich wegen der starken 
Strömungen auf dem, einen festen Grund bildenden Kimmeridge-Thon nur zeit 
weise geringe Massen Sinkstoffe ablagern. Der Durchschnitt der meisten Barren 
ist von elliptischer Gestalt, daher sie auch Seuils genannt werden, wie z. B. die 
Barre von St. Léonard und weiter stromaufwäi-ts die bei Aizier und die Bänke 
les Flaques, la Traverse de Villequier u. s. w. Bei jeder Bari'e ist eine Vertiefung 
des Flufsbettes, in welcher zwei oder drei Schiffe während Niedrigwasser flott 
bleiben und daher vor Anker gehen können. Diese Ankergi-ünde vertiefen sich, 
wenn die bei denselben liegenden Barren an Höhe zunehmen, und nehmen an 
Tiefe ab, wenn die Barren niedriger werden. Das Befahren der eingedämmten 
Seine ist verhältnifsmäfsig leicht und ungefährlich, wird aber durch den 
Maskaret, von welchem später die Rede sein wird, sehr erschwert. 
Die 127 km lange Strecke von den Bänken Amfard und Ratier bis Rouen 
wird in 24 Stunden vier Mal von einer gi-ofsen Wassermasse in abwechselnden 
Richtungen durchströmt. Die aus dem Englischen Kanal kommende Fluthwelle 
ei'zeugt in der Sefne-Bucht Strömungen in verschiedenen Richtungen, welche 
durch die Gestaltung der Bucht und ihres Grundes, die abfliefsenden Gewässer 
der Seine und die während der Fluth stattfindenden Niveau-Unterschiede des 
Wassers geregelt wei'den. 
Wenn während der Springzeiten die Fluthwelle vor Havre angelangt 
ist, haben sich bereits die kleinen Kanäle der Bucht mit Wasser gefüllt, die 
vorher ti’ockenen Bänke sind überschwemmt, udü das Wasser des nach der 
eingedämmten Seine führenden Kanals hat eine gröfsere Höhe erreicht, als in 
anderen Theilen der Bucht. Wäln’end der Nippzeiten ist dies nicht der Fall, 
quer ab von Ronfleur ist dann das Wasser im Kanal fast ebenso hoch, wie 
das Niedrigw T asser in Havre, und steht nur zur Zeit des Hochwassers einige 
Centimeter höher. Bei sehr grofsem Fluthwechsel läuft der Ebbestrom mit 
grofser Geschwindigkeit abwärts, und dann beträgt der Niveau-Unterschied des 
Wassers zwischen Ronfleur und Havre zur Zeit des Niedi'igwassei's 1 m und 
zur Zeit des Hochwassei’s 0,5 m.
	        
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