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Eine neue Methode der Prüfung von Sturmwarnungen etc.
Eine neue Methode der Prüfung von Sturmwarnungen und Ergebnisse
der Sturmwarnungen an den deutschen Küsten im Jahre 1889.
Von Dr. W. J. van Bebber.
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte.)
Auf den ersten Blick dürfte es unschwer erscheinen, Sturmwarnungen
und Wetterprognosen hinsichtlich ihres Erfolges oder Mifserfolges zu prüfen,
allein, wenn man dieser Aufgabe näher tritt, so stellen sieh bald so erhebliche
Schwierigkeiten entgegen, dafs es nicht leicht wird, zu völlig vorwurfsfreien
Resultaten zu gelangen. Abgesehen davon, dafs viele Beobachtungen durch die
persönliche Auffassung des Beobachters beeinflufst werden, machen sich so viele
Unsicherheiten in der Beurtheilung bemerkbar, dafs e3 in manchen Fällen schwer
ist, zu entscheiden, ob eine Vorhersago als eingetroffen oder als nicht ein
getroffen zu bezeichnen ist. Dann kommt noch hinzu, dafs sowohl der Prüfende
als auch der Beobachter zu dem Endresultate eine ganz verschiedene Stellung
einnnehmen können, wodurch dasselbe mehr oder weniger beträchtlich beeinflufst
wird. Wünscht der Beobachter ein günstiges Ergebnifs, so dürfte er unbewufster
Weise mehr oder weniger geneigt sein, milder zu urtheilen, und ebenso dürfte
der Beobachter seine Beobachtungen unabsichtlich mehr oder weniger der
Vorhersage anschmicgen. Ein Beispiel möge zeigen, wie sehr die persönliche
Ansicht des Prüfenden das Endresultat beeinträchtigen kann. Zweifellos ist
eine Centralanstalt, welche mit allen Mitteln der Beobachtung und der In
formation ausgerüstet ist, um die Wetterlage und ihre Aenderuugen auf grofsem
Gebiete kennen und verfolgen zu können, und deren Kräfte fast ausschliefslich
bestrebt sind, die ausübende Witterungskunde zu fördern, viel eher in der Lage,
Wettervoraussagen zu geben, als ein einzelner Beobachter oder ein Dilettant;
und doch weisen die Prüfungen der letzteren durchweg mehr Treffer auf, als
die der Centralanstalten. Dieses ist nicht allein in Deutschland der Fall, son
dern auch im Auslande, wie ein neuerlicher Artikel in der „Nature“ zeigte,
wonach isolirtc Beobachter beträchtlich mehr Treffer angeben, als das meteoro
logische Amt in London. Daher darf es uns nicht wundern, wenn vor einigen
Jahren von einer Seite behauptet wurde, dafs Lokalprognosen eine gröfsere
Treffsicherheit hätten, als die Prognosen der See warte. Ebenso beanspruchen
die Moudmeteorologeu viel mehr Treffer, als die Centralinstitute, obgleich alle
Erfolge hier nur auf einer offenbaren Selbsttäuschung beruhen.
Bisher wurden an der Seewarte die Sturmwarnungen in der Weise geprüft,
dafs die Aufzeichnungen an den Signalstellen nach Schätzungen zu Grunde gelegt
wurden und eine Sturmwarnung für den betreffenden Ort als günstig bezeichnet
wurde, wenn zwei Stunden nach erlassener Warnung ein Wind von der Stärke 8
der Beaufort’schen Skala und darüber geweht hatte, als halb eingetroffen, wenn
die Windstärke 7 erreicht war, während in allen übrigen Fällen die Warnung
als verfehlt betrachtet wurde. Die Ergebnisse dieser Prüfungen sind in den
Monatsberichten der Soewarte für jeden Jahrgang veröffentlicht worden. Um
sich nun vollständig frei von jeder Willkür zu machen, wurde im Jahre 1889
die bisherige Methode ganz verlassen und die Angaben der an vei'schiedenen
Punkten der Küste aufgestellten Anemometer, welche die mittlere stündliche
Windgeschwindigkeit in Metern pro Sekunde registriren, zur Prüfung benutzt.
Indessen zeigten sich zwei Mifsstände, welche den Werth der Prüfung
beeinträchtigen mufsten, nämlich 1. die verhältnifsmäfsig geringe Anzahl der
Anemometer, wobei insbesondere die grofse Lücke von Swinemünde bis Neu
fahrwasser bemerkenswerth ist, und 2. die ungleichartige Aufstellung derselben,
sowohl in Bezug auf ihre Höhe als auch ihre Nachbarschaft, wenn auch die
Einrichtungen an unserer Küste wohl die vollständigsten, wenigstens auf dem
europäischen Kontinente, genannt werden können. Die Anschaffung und die
Bedienung der Apparate, sowie die Bearbeitung des Materials sind mit grofsen
Kosten verknüpft, so dafs es schwer ist, jene Lücke in genügender Weise zu