‚20 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1923.
strömungen vor, welche von direkten anemographischen Registrierungen ausgeht,
nämlich die von Prof, J. Schneider: „Über den Einfluß des Mondes auf die
Windkomponenten zu Hamburg“!), Das Material zu dieser Untersuchung lieferten
1758 Mondtage der Wintermonate des Dezenniums 1887-—1896. Prof. Schneider
selbst hält die von ihm erzielten Resultate in bezug auf den Nachweis einer
mondtäglichen Änderung der Windkomponente für negativ; es will mir jedoch
scheinen, daß wir hier wirklich das erste, der außerordentlichen Kleinheit der
Amplitude wegen natürlich sehr undeutliche, Anzeichen von atmosphärischen
Gezeitenströmen haben. Der Gang der N—S-Komponente weist entschieden
einen halbtägigen Charakter auf, Ich habe die Reihen von Schneider harmonisch
analysiert und erhielt für die halbtägige Schwingung die größte horizontale Ge-
sehwindigkeit 0.031 m/sec aus N 21°O (bzw. S 21° W) ‘bei der Phase 357° (bzw.
177°). Diese Phase stimmt annähernd mit der Phase der barometrischen halb-
tägigen Gezeitenwelle in Greenwich (= 836°). überein. Da die Amplitude der
atmosphärischen O,-Tide in der Breite von Pawlowsk sich ungefähr zehnmal
größer erwiesen hat als die zu erwartende Amplitude der halbtägigen Mondtide
(= 0.004 mm) und fünfmal größer ist als die Amplitude der halbtägigen Tide
in Greenwich, so scheinen in höheren Breiten Untersuchungen über den Gang
des Windes nach den Stunden der O,-Tide mehr zu versprechen.
Es wäre von großem Interesse, die aus dem Luftdruck berechneten Gezeiten-
ströme in Pawlowsk mit solchen aus direkten Anemographenregistrierungen ab-
geleiteten zu vergleichen. Eine solche Untersuchung ist von mir auch beab-
sichtigt, doch sind Untersuchungen dieser Art überhaupt höchst zeitraubend.
Hier kann ich den für Pawlowsk berechneten atmosphärischen Gezeitenströmen
solche nach direkten Windbeobachtungen im nördlichen Polargebiet berechnete
nebenbeistellen?). Eine solche Vergleichung ist wohl möglich, da theoretisch
kein großer Unterschied in der Phase und Richtung zu erwarten ist; die Wind-
stärke muß aber nach den direkten Beobachtungen viel kleiner ausfallen, wozu noch
die höhere geographische Breite beitragen wird, Die Windbeobachtungen {fol-
gender Polarstationen wurden untersucht:
St. Phoka Bay®) 1912/13 76.0° N-Br. 59.9° O-Lg. Gr. | „Fram“ 1895/96 85.4°N-Br. 52.0° O-Lg.Gr.
Calm Bay3) 1913/14 80.3° « 528° « < | Bapastyr 1802/84 734° « 124.1° <« «
„Fram'‘ 1894/95 82.8° « 2106,7° « «
Es wurde der Zeitraum vom 2. November bis zum 23, Januar ausgewählt
{auf den meisten Stationen Polarnacht), welcher 76 Perioden der O,-Tide ent-
hält. Da diese Zahl jedenfalls viel zu gering ist, um den Gang der Wind-
komponenten auswerten zu können, wurden die Beobachtungen der fünf Stationen
vereinigt, was im ganzen 456 Perioden ergab. Ein solches Verfahren, welches
unzulässig wäre, wenn man es mit durch thermische Faktoren bedingten Winden
zu .tun hätte, ist hier, wo die Luftbewegung durch gravitorische Faktoren er-
zeugt wird, wohl angebracht; die geographische Länge kann hier den Gang der
Windkomponenten nicht beeinflussen, die Breiten der Stationen unterscheiden
sich nicht allzuviel. Das Verfahren hat sogar einen gewissen Vorzug in der
Hinsicht, daß die möglichen Besonderheiten der periodischen Änderung der
Windkomponente, welche vielleicht durch rein topographische Verhältnisse be-
dingt sind, eher ausgeschieden werden. Der für die Polarstationen abgeleitete
Gang der Windkomponenten wurde der harmonischen Analyse unterworfen,
welche folgende Konstanten ergab (zum Vergleich sind noch einmal die für
Pawlowsk erhaltenen Konstanten angeführt):
H (m/sec) a
Polargebiet | * Pawlowsk
NS 2840 | 2920 | 0.055 0.40
0—W | 233° ; 255° 0.035 0.21
!) Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte 1907; Nr. 2,
?) Dieses Material lag zwecks einer speziellen Untersuchung beinahe fertigbearbeitet vor,
3, Winterquartiere der Sedoffschen Polarexpedition; die Beobachtungen dieser Expedition
sind noch nicht veröffentlicht und liegen dem Verfasser als Manuskript vor.