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Die Eisverhältnisse im nördlichen Atlantischen Ocean im Frühjahr 1890.
licher als die in der englischen Admiralitätskarte angegebene mittlere Südgrenze
des Treibeises. Im April 1849 stiofs die Brigg „Hannah“ auf der Reise von
Newry nach Quebec mit einem Eisberge zusammen und sank. Die zweihundert
Passagiere, welche sio an Bord hatte, und die Bemannung hatten kaum Zeit sich
auf das Eis zu retten. Viele starben in Folge der Kälte, und die Ueberlebenden
wurden am folgenden Tage von einem passirenden Schiffe aufgenommen. Im
April 1851 passirte die englische Brigg „Renovation“ ungefähr 90 Sm. östlich
von Neufmidland eine ungeheuer grofse Eismasse, auf welcher zwei entmastete
Schiffe lagen. Am 1. Januar 1844 passirte das englische Schiff „Sully“ in
45° N-Br und 48°W-Lg einen Eisberg, und am 3. Januar 1842 wurde ein Eis
berg in der Nähe der Neufundland-Bänke gesehen. Das Schiff w Mineóla“
passirte am 29. Januar in 45° N-Br und 49° W-Lg einen Eisberg, dessen Längo
auf ca 1 Sm geschätzt wurde.
Auch im Dezember wird zuweilen Eis im nördlichen Atlantischen Ocean
angetroffen. So stiefs z. B. das Schiff „Wabens* am 5. Dezembor 1868 mit
einem Eisberge zusammen und sank infolge dessen. Die Bemannung wurde
vom Dampfer „City of Boston“ gerettet. Ferner wurde nach einer Veröffent
lichung des niederländischen meteorologischen Amtes am 28. Dezember eines
nicht angegebenen Jahres ein grofser Eisberg in 46° N-Br und 48° W-Lg gesehen.
Im Oktober und November scheinen Eisberge im nördlichen Atlantischen Oceau
nicht vorzukommen, wenigstens existiren hierüber keine Berichte. Ganz sicher
ist jedoch das Fehlen derselben nicht, denu in einem Jahre wurde am 27. Sep
tember ein solcher in 47° N-Br und 47° W-Lg gesehen.
Zum grofsen Theil ist die Ursache des diesjährigen frühzeitigen Er
scheinens so gewaltiger Eismassen das Vorherrschen heftiger nördlicher Stürme
im Osten von Labrador und Neufundland und der westlichen Stürme, welche
im Dezember und Januar längs der transatlantischen Dampferroute wehten.
Die Dundee-Walfischfänger, welche während des letzten Sommers in den grön
ländischen Gewässern waren, fanden daselbst das Wasser offen, aber sahen eine
gröfsere Menge Eisberge als in anderen Jahren. Im August und September
hatten viele Eisberge die Küste von Latrrador erreicht und wurden mit dem
arktischen Strome nach Süden treibend gesehen. Diese erreichten wahrschein
lich schon im Dezember und Januar die transatlantische Dampferroute.
In Labrador und Neufundland war der letzte Winter strenger und
stürmischer als seit vielen Jahren, und die Bildung von Eismassen fand in be
trächtlicher Ausdehnung an der Küste und in den Fjorden statt. Viele der
nördlichen Buchten von Neufundland waren, was dort selten der Fall ist, vom
Dezember bis März fest zugefroren, und das Ufereäs hatte eine ungewöhnliche
Dicke. Im St. Lorenz-Busen war des Eises wegen die Schiffahrt unmög
lich, und durch die Cabot-Strafse bewegten sich fast ununterbrochen grofse
Massen Treibeis süd- und westwärts. Noch Ende März verursachten dieselben
den Küstenfahrzeugen viel Zeitverlust und brachten sie oft in Gefahr. Der
gröfste Theil dieses Eises, wenn nicht die ganze Masse desselben, stammt von
den Küsten von Labrador und Neufundland, wo es durch heftige nördliche und
westliche Stürme von den Ufern losgerissen wurde und dann südwärts trieb.
Die Stürme waren oft so heftig, dafs sie auf grofsen Strecken alles Eis von
den Küsten entfernten und offenes Wasser bis weit in See hinaus herstellten.